Am nächsten Morgen stand ich wieder vor Notar Schmidts Büro. Doch diesmal war meine Haltung anders. Keine Spur mehr von Unsicherheit oder Bitte in meinen Augen. Ich war ein Mann auf einer Mission, bewaffnet mit der Wahrheit. Lena hatte mir in einer Textnachricht bestätigt, dass sie bereit war, zu bestätigen, was sie gehört hatte, falls es nötig sein sollte. Das gab mir zusätzliche Stärke.
Ich wurde hereingebeten und setzte mich wieder auf den Stuhl gegenüber Schmidts Schreibtisch. Er lächelte mich an, dieses routinierte, leere Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.
“Herr Richter, ich dachte, wir hätten uns gestern geeinigt, diese Angelegenheit ruhen zu lassen”, sagte er, seine Stimme mild, aber mit einer unterschwelligen Warnung.
“Thomas wird es Ihnen danken, wenn Sie ihn nicht unnötig belasten.”
Ich legte den Umschlag mit den ausgedruckten Forum-Beiträgen auf seinen Schreibtisch und schob ihn zu ihm hinüber.
“Lesen Sie das, Herr Schmidt”, sagte ich.
“Das sind die Worte meines Sohnes, gepostet unter einem Pseudonym in einem lokalen Forum. Er beklagt sich über sein ‘unfair’ verteiltes Erbe und spricht von ‘drastischen Maßnahmen’, um seinen ‘rechtmäßigen Anteil’ zu sichern.”
Schmidts Lächeln verschwand. Er nahm die Blätter zögernd auf. Als er die ersten Zeilen las, wurde sein Gesicht bleich. Seine Augen huschten über die Seiten, seine Lippen bewegten sich leise, als würde er die Worte stumm lesen. Ich beobachtete ihn genau, sah, wie die Fassade seiner professionellen Ruhe bröckelte.
“Und das ist nicht alles”, fuhr ich fort, meine Stimme fest.
“Eine Zeugin, eine Freundin von Thomas, hat Sie und Thomas vor einigen Tagen in diesem Büro belauscht. Sie hörte, wie Sie über ‘Mias unpassende Anwesenheit’ und ‘ungültige Ansprüche’ sprachen. Und darüber, wie man Mias Erbansprüche ‘unwirksam’ machen könnte, indem man sie als ‘Geschenk an Thomas’ deklariert.”
Schmidts Augen weiteten sich. Er legte die Ausdrucke auf den Tisch, seine Hände zitterten leicht. Die Farbe wich aus seinem Gesicht. Er schluckte.
“Das… das sind ungeheuerliche Anschuldigungen, Herr Richter”, stammelte er.
“Verleumdung!”
“Ist es Verleumdung, wenn Sie es selbst getan haben, Herr Schmidt?”, fragte ich ruhig.
“Thomas hat in den Beiträgen erwähnt, dass er die ‘richtigen Leute kennen’ muss, um das System zu seinem Vorteil zu nutzen. Und Sie sind der Notar, der die Dokumente unserer Familie bearbeitet hat. Der Notar, der Thomas’ Forderungen als ‘riskant, aber nicht unmöglich’ bezeichnet hat.”
Schmidt lehnte sich zurück, seine Schultern fielen in sich zusammen. Er rieb sich über das Gesicht. Das glatte, selbstsichere Auftreten war einer verzweifelten Haltung gewichen. Er war in die Enge getrieben.
“Er… er hat mich unter Druck gesetzt”, murmelte er, seine Stimme kaum hörbar.
“Thomas ist sehr… überzeugend, wenn er etwas will. Und er hatte immer hohe Schulden.”
“Druck ist keine Entschuldigung für Betrug und die Gefährdung eines Kindes, Herr Schmidt”, sagte ich scharf.
“Mia lag im Krankenhaus, halb bewusstlos, weil mein Sohn ihr Beruhigungsmittel verabreicht hat, um ungestört die Dokumente manipulieren zu können. Und Sie haben ihm dabei geholfen.”
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