Das Telefonat mit Lena Schneider war kurz, fast gehetzt. Ihre Stimme klang nervös, als würde sie befürchten, belauscht zu werden. Sie schlug ein Treffen in einem abgelegenen Café am Rande der Stadt vor, fernab der neugierigen Blicke, die in Kleinburg alles bemerkten. Ich stimmte sofort zu, die Dringlichkeit in ihrer Stimme war unüberhörbar.
Ich kannte Lena vom Sehen. Sie war eine ehemalige Schulfreundin von Thomas, eine lebhafte Frau mit einem offenen Gesicht, die immer etwas zu lachen hatte. Ich hätte sie nie im Leben als potenzielle Verbündete eingeschätzt, geschweige denn als jemanden, der sich gegen Thomas stellen würde. Das machte ihre Kontaktaufnahme umso bedeutsamer.
Ich erreichte das Café vor ihr und suchte mir einen Tisch in einer ruhigen Ecke. Die Wartezeit war eine Qual. Ich dachte an die Forum-Beiträge, an die kalte Gier, die aus ihnen sprach. Und an Notar Schmidts glatte Fassade. Was wusste Lena? Und wie tief war sie selbst involviert?
Zehn Minuten später erschien sie. Ihr Lächeln war verschwunden. Ihre Augen waren wachsam, fast ängstlich. Sie trug eine schlichte Jeans und eine Strickjacke, sah aus wie jemand, der sich verbergen wollte. Sie setzte sich mir gegenüber, ohne Umschweife.
“Danke, dass Sie gekommen sind, Herr Richter”, sagte sie, ihre Hände verschränkt auf dem Tisch.
“Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.”
“Fangen Sie einfach an”, sagte ich sanft.
“Alles, was Sie wissen, ist wichtig. Es geht um Mia.”
Sie nickte, nahm einen tiefen Atemzug.
“Ich war vor ein paar Tagen bei Herrn Schmidt”, begann sie.
“Wegen einer Kleinigkeit. Und als ich auf meinen Termin wartete, hörte ich Thomas. Er war in Schmidts Büro. Die Tür war nicht ganz geschlossen, und ich…”
Sie zögerte, blickte sich um, obwohl wir allein in unserer Ecke waren.
“…ich habe etwas gehört, das mich wirklich beunruhigt hat.”
Mein Herz pochte. Das war es. Die Verbindung.
“Was haben Sie gehört, Frau Schneider?”, fragte ich, meine Stimme war ruhig, um sie nicht zu erschrecken.
“Sie stritten sich”, erzählte Lena.
“Thomas war sehr wütend. Er sagte, ‘Mias unpassende Anwesenheit’ sei ein ‘riesiges Problem’, das ‘sofort beseitigt’ werden müsse. Und Schmidt… er klang nervös, versuchte ihn zu beruhigen. Er sagte etwas von ‘rechtlichen Hürden’ und ‘Risiken’.”
“Mias unpassende Anwesenheit.” Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Nicht nur „Mia ist ein Problem“, sondern ihre reine Existenz als Erbin.
“Thomas hat dann etwas gesagt von ‘ungültigen Ansprüchen’ und ‘wie man das zu seinen Gunsten drehen könnte'”, fuhr Lena fort, ihre Stimme wurde leiser.
“Schmidt meinte, es wäre ‘riskant’, aber ‘nicht unmöglich’, wenn man es ‘geschickt anstellt’. Und er sprach von einem ‘Dokument’, das Mias Erbansprüche ‘unwirksam’ machen könnte, als ob es ein ‘Geschenk an Thomas’ gewesen wäre.”
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