Die nächsten Tage waren von Anspannung geprägt. Anne verbrachte Stunden damit, ihre Spendenunterlagen zu überprüfen, obwohl sie wusste, dass alles in Ordnung war.
Die Schulleitung hatte einen Termin für ein offizielles Gespräch angesetzt.
Ich versuchte, mich abzulenken, ging in die Stadtbibliothek, um an einem meiner Kunstprojekte zu arbeiten. Das Zeichnen war mein Ventil.
Ich blätterte in Büchern über lokale Geschichte, auf der Suche nach Inspiration für eine Serie von Stadtansichten.
Ich saß an einem großen Holztisch, als sich ein älterer Herr mit grauem Haar und freundlichen Augen zu mir setzte. Er hatte einen Stapel alter Zeitungen und Akten vor sich.
„Entschuldigen Sie, junge Dame“, sagte er mit einer ruhigen, freundlichen Stimme. „Ist dieser Platz noch frei?“
Ich nickte. „Ja, natürlich.“
„Klaus Schmidt“, stellte er sich vor. „Pensionierter Polizeikommissar. Und leidenschaftlicher Lokalhistoriker.“
„Lena Richter“, erwiderte ich. Ich war überrascht, einem ehemaligen Polizisten zu begegnen.
„Ah, Richter“, sagte er nachdenklich. „Der Name ist mir in letzter Zeit öfter begegnet. Im Zusammenhang mit der Schule.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er von den Gerüchten gehört?
Ich zögerte. „Es gibt da ein paar… unschöne Geschichten.“
Herr Schmidt lächelte milde. „Unerfreuliche Geschichten gibt es immer. Aber manchmal steckt mehr dahinter, als es auf den ersten Blick scheint. Ich habe in meiner Laufbahn gelernt, dass die Wahrheit oft viele Schichten hat.“
Er begann, von seinen Recherchen zu erzählen, von alten Familien, die das Viertel geprägt hatten, von vergessenen Biografien.
„Ich habe mich viel mit dem sozialen Gefüge unserer Stadt beschäftigt“, fuhr er fort. „Besonders, wenn Menschen in Not geraten sind. Als Polizist war ich oft an vorderster Front, wenn Familien auseinanderbrachen oder in finanzielle Schwierigkeiten gerieten.“
Er legte eine alte Akte beiseite. „Es gab da zum Beispiel die Familie Steiner. Eine schwierige Geschichte. Die Frau, Charlotte Steiner, hatte es nicht leicht. Nach der Scheidung von ihrem Mann geriet sie in große finanzielle Schwierigkeiten.“
Mein Herz raste. Frau Steiner. Er kannte sie.
„Sie hatte auch… psychische Probleme“, fuhr Herr Schmidt fort, seine Stimme wurde leiser. „Verfolgungswahn, wie es damals hieß. Sie machte andere für ihr Unglück verantwortlich, besonders die neue Frau ihres Ex-Mannes.“
Ich starrte ihn an, unfähig, ein Wort herauszubringen. Das war es.
Das war genau das, was in den Briefen stand. Herr Schmidt bestätigte es.
„Ich habe damals nur am Rande damit zu tun gehabt“, sagte er. „Sozialbehörden waren involviert. Es war sehr traurig anzusehen, wie sich jemand so verlieren konnte in Bitterkeit und Wahnvorstellungen.“
Er blickte mich aufmerksam an. „Die Vergangenheit holt uns manchmal ein, nicht wahr, Lena? Menschen ändern sich nicht immer. Manchmal tragen sie ihren Groll ihr Leben lang mit sich herum.“
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