Die lederne Mappe lag auf meinem Schreibtisch, ein stummer Vorwurf an meine Vorsicht. Ich hatte sie mehrere Stunden lang angestarrt, bevor ich den Mut gefunden hatte, sie zu öffnen.
Der Verschluss war hartnäckig, und ich musste etwas Kraft aufwenden, um ihn zu lösen. Ein leises Klicken hallte in der Stille meines Büros wider.
Ich klappte die Mappe auf. Darin befanden sich sorgfältig geordnete Dokumente: vergilbte Zeitungsartikel, alte Korrespondenz, und Notizen in Claras gestochen scharfer Handschrift.
Ich zog den obersten Zeitungsartikel heraus. Das Datum war vor über zehn Jahren. Die Schlagzeile lautete: „Immobilienhai Kiesel erneut in Kontroversen verstrickt – Kleine Mieter kämpfen um ihre Existenz.“
Meine Augen huschten über den Text. Es ging um eine Räumungsklage, die Lorenz Kiesel gegen eine kleine Gemeinschaft von Künstlern eingereicht hatte, um ein altes Fabrikgebäude für ein Luxusprojekt umzuwandeln.
Die Künstler hatten behauptet, dass ihre Mietverträge manipuliert worden seien, dass Klauseln, die ihnen ein Bleiberecht zusicherten, plötzlich verschwunden oder geändert worden wären. Lorenz hatte alle Anschuldigungen zurückgewiesen und den Fall vor Gericht gewonnen.
Ich spürte eine Welle der Wut in mir aufsteigen. Das Muster war erschreckend vertraut.
Das war genau das, was er jetzt mit mir versuchte. Die Geschichte wiederholte sich.
Ich zog einen weiteren Artikel heraus. Dieser datierte sogar noch weiter zurück, kurz nach der Gründung meiner eigenen Stiftung.
„Kiesel-Gruppe stolpert über undurchsichtige Grundstücksgeschäfte – Ermittlungen eingeleitet.“ Es ging um ein kompliziertes Netz von Firmen und Subunternehmen, über die Lorenz offenbar Grundstücke zu stark überhöhten Preisen erworben hatte.
Die Ermittlungen waren im Sande verlaufen, die Vorwürfe blieben unbewiesen. Aber der Geruch von Korruption war unverkennbar.
Ich legte die Artikel beiseite und griff nach Claras Notizen. Ihre feine Schrift war schwer zu entziffern, aber ich konnte Stichworte wie „Muster“, „Systematik“, „Opfer“ und „schweigende Zeugen“ erkennen.
Es war klar, dass Clara Lorenz Kiesel schon lange im Visier hatte. Doch warum hatte sie mir nichts gesagt?
Ich erinnerte mich an die Zeit nach meiner Scheidung, als der Firmenskandal um die undurchsichtigen Finanzierungen meiner ehemaligen Geschäftspartner ans Licht kam. Die Presse hatte mich zerrissen, meinen Ruf in den Schmutz gezogen.
Ich hatte mich als Betrogener gefühlt, als Opfer einer perfiden Intrige. Doch viele Menschen hatten mir damals Misstrauen entgegengebracht, meine Geschichte in Frage gestellt.
Diese Erfahrung hatte eine tiefe Wunde in mir hinterlassen. Sie hatte meinen Zynismus genährt, meine Paranoia verstärkt.
Jetzt sah ich diese alten Berichte über Lorenz, und meine Wut richtete sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen die Ungerechtigkeit der Welt, die solche Machenschaften ungestraft ließ.
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