Mein Ehemann sah unseren neugeborenen Sohn an und flüsterte, er sei „nicht von unserem Blut“ – wegen eines winzigen Merkmals, das er als Makel sah.
Die Erkenntnis über das “Richter-Linie A”-Allel hatte mir eine neue, beängstigende Perspektive auf Matthias’ Besessenheit eröffnet. Doch ich brauchte eine Bestätigung von jemandem, der sich mit Genetik auskannte, jemandem, dem ich vertrauen konnte. Mein Gedanke wanderte sofort zu Dr. Klaus Weber.
Dr. Weber war ein älterer Genetiker, ein ehemaliger Kollege meines Vaters, und ein langjähriger Freund der Familie. Er hatte mich gekannt, seit ich ein kleines Mädchen war, und ich vertraute ihm voll und ganz. Er war bekannt für seine brillante, wenn auch manchmal etwas zerstreute Art, und seine Leidenschaft für seltene genetische Phänomene. Ich wusste, dass er die Schlüssel zu Matthias’ Motiv halten könnte.
Ich rief ihn an und bat um einen Termin. Ich erfand eine Ausrede, dass ich allgemeine Fragen zur Kindergesundheit hätte, insbesondere in Bezug auf die Erbmerkmale meiner Töchter und Leos. Dr. Weber, immer hilfsbereit und fasziniert von allem, was mit Genetik zu tun hatte, stimmte sofort zu.
Am nächsten Tag fuhr ich zu seiner kleinen, aber gut ausgestatteten Praxis. Der Geruch von Desinfektionsmitteln und alten Büchern hing in der Luft. Dr. Weber saß hinter einem Schreibtisch, der unter Papierstapeln fast verschwand, seine Brille saß schief auf der Nase. Er lächelte mich warm an.
“Elara, meine Liebe! Wie schön, dich zu sehen. Und wie geht es deinen wunderbaren Kindern? Besonders dem kleinen Leo, der ja so ein Sonnenschein ist!”
Sein herzlicher Empfang beruhigte mich etwas, aber meine Nervosität blieb. Ich begann das Gespräch mit allgemeinen Fragen über die genetische Vererbung von Haarfarbe und Augenfarbe, lenkte das Gespräch langsam auf rezessive Merkmale. Ich tat so, als wäre ich nur eine besorgte Mutter, die sich für die Wissenschaft interessierte.
“Dr. Weber”, sagte ich beiläufig, “ich habe neulich über rezessive Gene gelesen. Es ist faszinierend, wie bestimmte Merkmale über Generationen hinweg verborgen bleiben und dann plötzlich wieder auftauchen können.”
Er nickte eifrig, seine Augen leuchteten. “Absolut faszinierend! Die Natur ist ein unglaublicher Code. Besonders bei den sogenannten ‘privaten Allelen’, die nur in sehr isolierten Populationen oder Familien vorkommen. Da gibt es oft die interessantesten Geschichten.”
Ich nahm einen tiefen Atemzug. Das war meine Chance.
“Gibt es so etwas auch in unserer Familie, oder in Matthias’ Familie? Ich meine, diese alten Linien, da gab es doch sicher auch solche Besonderheiten, oder?”
Dr. Weber lehnte sich in seinem Stuhl zurück und dachte nach.
“Oh ja, die Richters! Eine sehr alte Familie, sehr stolz auf ihre Abstammung. Ich erinnere mich an Matthias’ Vater, der schon immer ein großes Interesse an solchen Dingen hatte. Und Matthias selbst hat sich neulich erst bei mir gemeldet, noch bevor Leo geboren wurde. Sehr spezifische Fragen hatte er.”
Mein Herz pochte. Das war der Moment.
“Tatsächlich? Was hat er denn gefragt?”
Dr. Weber zupfte an seinem Bart, ein Lächeln spielte um seine Lippen.
“Nun, er war sehr besorgt, ob das sogenannte ‘Richter-Linie A’-Allel bei Leo auftauchen würde. Wissen Sie, das ist dieses sehr seltene, rezessive Merkmal, das mit einer bestimmten Pigmentierung in Verbindung gebracht wird, die aber kaum sichtbar ist. Nur in der väterlichen Richter-Linie zu finden. Er hat mich gefragt, ob man im Stammbaum interpretieren müsste, wenn dieses Allel *nicht* vorhanden wäre.”
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