Chapter 7: Die Pflicht des Anwalts

#content-1

Ich traf mich mit Eva am nächsten Morgen vor Herrn Fischers Kanzlei. Es war ein imposantes Gebäude im Herzen der Stadt, das Seriosität und Tradition ausstrahlte.

„Denken Sie, er wird uns die Wahrheit sagen?“, fragte ich Eva, als wir die Marmortreppe hinaufstiegen.

„Herr Fischer ist ein Mann des Gesetzes“, erwiderte Eva. „Er wird seine berufliche Integrität wahren wollen. Aber er wird auch seine langjährigen Mandanten schützen wollen. Es wird ein Balanceakt.“

Wir wurden in ein kühles, formelles Büro geführt. Herr Fischer saß hinter einem massiven Schreibtisch, seine Brille saß auf der Nasenspitze. Er sah müde aus, seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

„Frau Richter, Dr. Klein“, sagte er und stand widerwillig auf. „Ich habe Sie erwartet.“

Er bot uns Stühle an, und wir setzten uns. Die Atmosphäre war gespannt.

Ich legte die Kopie der Notiz mit der „Ehrenstein-Klausel“ auf seinen Schreibtisch. „Herr Fischer, Sie haben mir diese Notiz geschickt. Was genau wissen Sie über diese Klausel?“

Herr Fischer schob seine Brille zurecht. „Die Ehrenstein-Klausel ist ein sehr altes Dokument, Frau Richter. Sie ist Teil der ursprünglichen Besitzurkunden. Aber sie wurde immer als… nun ja, als rein symbolisch betrachtet.“

„Symbolisch?“, fragte Eva scharf. „Eine Klausel, die das Wohl des Anwesens an eine ,Darbringung der Tochter des Hauses‘ bindet, ist für Sie symbolisch?“

Herr Fischers Wangen nahmen einen leichten Rotton an. „Diese Dinge wurden in einer anderen Zeit verfasst, Dr. Klein. In einer Zeit, in der Aberglaube und lokale Folklore eine größere Rolle spielten.“

„Und die jüngsten Ereignisse in Haus Ehrenstein sind für Sie auch nur Aberglaube?“, fragte ich, meine Stimme war fest. „Der Kronleuchter, der herunterfiel? Die Kälte, die Stimmen?“

Er zögerte. „Ich habe von… unglücklichen Zufällen gehört. Aber als Anwalt muss ich mich an Fakten halten, Frau Richter. Und die Fakten besagen, dass Ihre Mutter die Zahlungen nicht leisten konnte.“

„Die Fakten besagen auch, dass meine Mutter jahrelang behauptet hat, sie würde die Zahlungen leisten, während ich es war“, sagte ich und sah ihn direkt an. „Und dass sie sich über meine ,naive Loyalität‘ lustig gemacht hat.“

Ich schob ihm die Kopien der Briefe von Helga zu, die Eva mir gegeben hatte. Herr Fischer nahm sie zögernd entgegen, seine Augen überflogen die Zeilen.

Sein Gesicht wurde kreidebleich, als er die Worte meiner Mutter las. Eine tiefe Falte bildete sich auf seiner Stirn.

„Das… das ist…“, stammelte er. Er konnte es nicht fassen.

„Das ist Betrug, Herr Fischer“, sagte Eva ruhig. „Ihre Mandantin hat Ihre eigene Familie getäuscht und sich über die Person lustig gemacht, die das Haus gerettet hat.“

Herr Fischer schob die Briefe von sich weg, als wären sie verunreinigt. Er atmete tief ein und aus.

„Ich habe die Familie Richter seit über dreißig Jahren vertreten“, sagte er leise. „Ich hätte niemals gedacht…“

You May Also Like

More From Author

+ There are no comments

Add yours