Nachdem Jens sich zurückgezogen hatte, um seine Entscheidung zu treffen, richteten Frau Becker und ich unsere Aufmerksamkeit auf die zweite potenzielle Zeugin, die Jens’ Notizen enthielten: Theresa Schulz, Evas ehemalige Nanny. Jens hatte Theresa als eine der am häufigsten betroffenen Personen in Evas Wutanfällen dokumentiert.
„Theresa Schulz”, sagte Frau Becker, während sie die Notizen auf ihrem Computerbildschirm zeigte. „Jens hat hier vermerkt, dass sie mehrfach unter Evas verbalen Ausbrüchen gelitten hat, besonders wenn es um die Kinder ging. Und dass Eva sie mit einem Schweigeabkommen fest im Griff hatte.”
Die Notizen waren erschreckend detailliert. Jens hatte spezifische Daten und sogar Zitate von Evas Wutreden gegen Theresa aufgeschrieben. Eine davon lautete: „Wenn diese Kinder nicht lernen, sich richtig zu benehmen, bist du die Nächste, die auf der Straße landet!” Es war ein direktes Zeugnis von Evas psychischem Terror.
„Wenn sie aussagen würde, könnte das unsere Position enorm stärken”, sagte ich. „Sie könnte bestätigen, was Jens in seinen Aufnahmen hat. Und vor allem, wie Eva mit ihren eigenen Kindern umgeht.”
Frau Becker nickte zustimmend. „Absolut. Eine Nanny hat direkten Einblick in das Privatleben und den Umgang mit den Kindern. Das ist unbezahlbar.”
Doch die Herausforderung, Theresa zu finden und sie zum Reden zu bringen, war enorm. Jens hatte sie als „sehr ängstlich” beschrieben, und das Schweigeabkommen war ein großes Hindernis.
„Haben Sie Kontaktdaten?”, fragte ich.
Frau Becker scrollte durch Jens’ Dateien. „Jens hat hier eine alte Adresse und eine Telefonnummer notiert. Ob die noch aktuell sind, ist fraglich. Aber es ist ein Anfang.”
Ich beschloss, es selbst zu versuchen. Ich war besser darin, Vertrauen aufzubauen, besonders bei Menschen, die Ängste hatten. Als Kindergärtnerin war ich es gewohnt, mit Menschen zu sprechen, die sich verletzlich fühlten.
Ich saß am nächsten Morgen an meinem Küchentisch, das Telefon in der Hand, und starrte auf die alte Nummer, die Jens vermerkt hatte. Mein Herz schlug schnell. Theresa Schulz war Evas Opfer gewesen, genau wie ich. Ich spürte eine Verbindung zu ihr, auch wenn wir uns noch nie begegnet waren.
Ich wählte die Nummer. Es klingelte lange. Mein Magen zog sich zusammen. Vielleicht war die Nummer gar nicht mehr in Betrieb.
Dann, kurz bevor ich aufgeben wollte, hörte ich ein Klicken. Eine leise, unsichere weibliche Stimme meldete sich.
„Hallo?”
„Guten Tag”, sagte ich, meine Stimme war ruhig und freundlich. „Spreche ich mit Frau Theresa Schulz?”
Ein kurzes Zögern am anderen Ende. „Ja, das bin ich. Wer spricht da?”
Ich musste vorsichtig sein. Ich konnte sie nicht sofort mit Eva Brandls Namen überfallen. Ich musste Vertrauen aufbauen.
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