Lenas Stiefvater beschuldigte sie des Diebstahls auf der Hochzeit und schlug ihre Mutter — er wusste nicht, dass ihre 8-jährige Nichte alles sah und die Kameras kannte
Die Nacht vor dem Gerichtstermin lag wie ein schwerer Schleier über unserem kleinen Haus. Anja war von einer beinahe lähmenden Angst ergriffen. Sie saß in der Küche, ihre Hände zitterten, und sie konnte keinen Bissen herunterbekommen.
Moritz war bei uns. Er versuchte, Anja Mut zuzusprechen, legte ihr einen Arm um die Schulter.
„Es wird alles gut, Anja“, sagte er, seine Stimme war sanft. „Wir haben die Beweise. Die Aufnahmen. Die Kommissarin.“
Anja schüttelte den Kopf, ihre Augen waren weit vor Angst. „Aber was, wenn sie ihm nicht glauben? Was, wenn sie Benedikt glauben? Er ist so überzeugend.“
Sie sah mich an, ihre Augen waren voller Sorge. „Was, wenn sie Lena wieder als Lügnerin hinstellen?“
Ich ging zu ihr und nahm ihre Hand. „Das werden sie nicht, Mama. Ich habe die Wahrheit gesagt.“
Moritz nickte. „Genau. Und ich habe die Cousinen im Café belauscht. Sie haben über Benedikts frühere Beziehungen gesprochen. Sein Muster. Er ist kein Einzeltäter.“
Ich erzählte Moritz von dem Gespräch im Café. Er hörte aufmerksam zu, seine Miene wurde immer ernster.
„Das ist wichtig, Lena“, sagte er. „Das zeigt, dass er ein Muster hat. Es ist nicht nur ein Ausrutscher gewesen.“
Anja seufzte. „Ich kann das alles nicht mehr. Ich will nur, dass es vorbei ist.“
Moritz drückte ihre Hand. „Morgen ist es vorbei, Anja. Wir werden kämpfen. Für dich. Für Lena.“
Ich saß später still in meinem Bett, lauschte den Geräuschen der Nacht. Das Rascheln der Blätter im Wind, das ferne Bellen eines Hundes. Meine Gedanken rasten.
Ich malte in Gedanken ein Bild von Benedikts Lächeln. Es war nicht mehr das freundliche, charmante Lächeln, das ich einst gekannt hatte. Es war eine kalte Maske, ein Trugbild, das seine wahre Natur verbarg.
Ich sah die Höflichkeit in seinen Augen, die aber nur dazu diente, seine Opfer zu täuschen. Ich wusste jetzt, dass er immer so gewesen war.
Er hatte seine Partnerinnen kontrolliert, manipuliert, gedemütigt. Und ich hatte es unwissend mit angesehen. Die Erkenntnis war schmerzhaft.
Ich wusste, dass morgen der Tag der Wahrheit sein würde. Aber ich wusste auch, dass die Wahrheit nicht unbedingt ein gutes Ende bedeuten musste.
Ich hatte gelernt, dass die Welt kompliziert war. Dass gute Menschen litten und schlechte Menschen oft ungestraft davonkamen. Diese Ungerechtigkeit nagte an mir.
Ich dachte an meine Mutter, die so viel durchgemacht hatte. Ihre körperlichen Wunden waren verheilt, aber die Narben auf ihrer Seele würden bleiben.
Ich umarmte meinen Teddy fest. Er war mein einziger Trost in dieser dunklen Nacht.
Moritz kam noch einmal zu meiner Zimmertür. Er sah mich an, sein Blick war voller Sorge.
„Versuch zu schlafen, Kleine“, sagte er leise. „Du brauchst deine Kraft für morgen.“
Ich nickte. Ich wusste, dass er recht hatte.
Ich schloss meine Augen, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Die Anspannung war zu groß.
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