Lenas Stiefvater beschuldigte sie des Diebstahls auf der Hochzeit und schlug ihre Mutter — er wusste nicht, dass ihre 8-jährige Nichte alles sah und die Kameras kannte
Anja erholte sich langsam von der Wunde an ihrem Kopf. Die Schwellung ging zurück, und die Verfärbung auf ihrer Stirn verblasste zu einem gelblichen Schatten. Doch in ihren Augen sah ich etwas, das nicht heilte, eine Leere, die mich frösteln ließ. Meine Mutter sprach kaum noch.
Sie saß stundenlang am Küchenfenster, eine Tasse kalten Tee vor sich, und starrte hinaus. Die Welt draußen schien sie nicht mehr zu erreichen. Ich versuchte, sie mit meinen Zeichnungen aufzuheitern. Ich malte bunte Blumen und lächelnde Gesichter, die ich ihr auf den Schoß legte.
Sie nahm sie in die Hand, aber ihr Blick glitt darüber hinweg, als wäre es nur ein weiterer Fleck auf dem Tisch. Das war härter zu ertragen als jede Wunde. Meine Mutter, die sonst immer gelacht und gesungen hatte, war zu einem Schatten geworden.
Ich fühlte mich hilflos. Was konnte ein achtjähriges Mädchen tun, wenn die eigene Mutter innerlich zerbrach? Die Erinnerung an den Hochzeitstag brannte sich in mein Gehirn. Benedikts wütendes Gesicht, der Schlag, Mamas Sturz.
Aber es gab noch etwas anderes. Ein kleines Detail, das sich immer wieder in meinen Gedanken zeigte. Es war die Kamera.
Ich erinnerte mich genau an ihre Position. Sie hing in der Ecke des Festsaals, hoch oben an der Wand, direkt über dem Kronleuchter. Ich hatte sie bemerkt, weil sie ein kleines rotes Licht hatte, das regelmäßig blinkte.
Das Licht hatte mich fasziniert, während ich auf meinen Kuchen wartete. Ich wusste, dass sie alles gesehen hatte, alles aufgezeichnet hatte. Meine Mutter hatte davon gesprochen, dass die Aufnahmen fehlen würden, aber ich wusste, dass die Kamera da war.
„Mama“, sagte ich eines Nachmittags leise. „Die Kamera. Die hat alles gesehen.“
Anja zuckte zusammen, als hätte ich sie aus einem tiefen Schlaf gerissen. Sie drehte ihren Kopf langsam zu mir, ihre Augen waren noch immer glasig.
„Welche Kamera, Lena?“, fragte sie, ihre Stimme rau vom Nichtgebrauch.
„Die im Saal“, antwortete ich. „Über dem großen Licht. Sie hat geblinkt.“
Anja schüttelte leicht den Kopf. „Das ist egal, Schatz. Benedikt hat dafür gesorgt, dass da nichts zu sehen ist.“
Sie wandte sich wieder dem Fenster zu, und ich sah, wie ein weiteres Stück Hoffnung in ihr zerbrach. Aber ich konnte es nicht vergessen. Die Kamera, das rote Blinken. Es war ein kleines Detail, aber es war echt.
Ich hielt an dieser Erinnerung fest wie an einem Rettungsring. Sie war meine kleine Geheimwaffe. Tage später kam Onkel Moritz zu Besuch.
Er sah meine Mutter an, sein Gesicht war voller Sorge. Er setzte sich neben sie auf das Sofa und versuchte, ein Gespräch zu beginnen, aber Anja antwortete nur mit Einsilbern oder gar nicht.
+ There are no comments
Add yours