Am Flughafen sah der frisch verheiratete Julian Voss seine Ex-Freundin mit einem Kind, dessen Augen seine eigenen spiegelten – eine Wahrheit, die seine gesamte Karriere zerstören könnte.
Der Weg nach Pankow, einem kleinen Dorf außerhalb von Berlin, war lang und führte mich durch eine Landschaft, die sich weit entfernt von der Hektik Frankfurts anfühlte. Hier schien die Zeit langsamer zu vergehen. Ich hatte die Adresse von Herrn Gruber, dem ehemaligen Assistenten meines Großvaters, von meiner Mutter bekommen.
Das Haus war klein und unscheinbar, umgeben von einem üppigen Garten. Ich klopfte an die Tür, und nach einer Weile öffnete sich ein Spalt. Ein alter Mann mit grauen Haaren und wachen Augen blickte mich misstrauisch an. Er hatte scharfe, durchdringende Augen, die alles zu scannen schienen.
„Herr Gruber? Mein Name ist Julian Voss. Ich bin der Enkel von Herrn Richter senior.“
Der Name Richter schien eine sofortige Wirkung zu haben. Seine Augen verengten sich. Er öffnete die Tür ein wenig weiter, musterte mich von Kopf bis Fuß. Ich spürte, wie er meine Worte abwog.
„Voss, ja“, murmelte er, seine Stimme war rau.
„Kommen Sie herein. Aber ich habe nicht viel Zeit.“
Er führte mich in ein kleines Wohnzimmer, das mit alten Büchern und Schnitzereien gefüllt war. Der Geruch von Pfeifentabak hing in der Luft. Ich setzte mich auf einen alten Sessel. Er musterte mich noch einmal, seine Hände waren ineinander verschränkt.
„Was wollen Sie von mir, junger Mann?“ fragte Herr Gruber, seine Stimme war direkt.
„Ich suche nach der Wahrheit über meine Familie“, erwiderte ich.
„Besonders über Tante Helga Richter und ihre Machenschaften.“
Bei dem Namen Helga verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse. Er seufzte.
„Helga Richter“, sagte er, ein Hauch von Abscheu in seiner Stimme.
„Sie hat nach dem Tod Ihres Großvaters begonnen, die Fäden zu ziehen. Überall.“
Er erzählte von Helgas zunehmender Machtgier nach dem Tod meines Großvaters. Wie sie begann, Entscheidungen zu treffen, die nicht im Sinne des Unternehmens, sondern in ihrem eigenen Interesse waren. Sie hatte eine aggressive Expansionsstrategie verfolgt, die viele langjährige Mitarbeiter verunsicherte.
„Sie hatte die Fähigkeit, ‚Dinge verschwinden zu lassen‘“, sagte Herr Gruber, seine Augen fixierten mich.
„Unerwünschte Informationen. Unerwünschte Personen. Sie war Meisterin der Manipulation.“
Die kalte Beschreibung ihrer Methoden ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen. „Dinge verschwinden lassen.“ Das beschrieb perfekt, wie sie unsere Beziehung zu Clara ausgelöscht und Claras Startup zerstört hatte. Ihr Ruf als skrupellose Geschäftsfrau war wohlverdient.
„Mein Großvater hat das alles gesehen“, fuhr Herr Gruber fort, seine Stimme war nun leiser.
„Er hat ihre Ambitionen gespürt. Und er hat Vorkehrungen getroffen.“
Meine Hände ballten sich unwillkürlich. „Vorkehrungen.“ Das war es, wonach ich suchte. Der „Schattenfonds“, von dem meine Mutter gesprochen hatte. Ein letzter Akt der Gerechtigkeit meines Großvaters.
„Er hatte Angst, dass Helga die Familie und das Unternehmen auf ihre eigene Art lenken würde“, sagte Herr Gruber.
„Und dass sie dabei über Leichen gehen würde. Moralisch, meine ich.“
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