Chapter 2: Die stille Architektin

#content-1

Der Türrahmen splitterte, als die Männer hereinstrürmten. Lea schrie auf, ihre Augen leuchteten vor Aufregung.

„Live, Leute! Die verhaften sie wirklich! Meine Schwester, die Erbschleicherin!“

Sie hielt ihr Handy hoch, der Bildschirm zeigte mein Gesicht, verzerrt und unnatürlich hell. Ich sah mich selbst im Livestream, eine fremde, ruhige Gestalt, die keine Panik zeigte.

Die vermeintlichen Polizisten trugen schwarze Uniformen, ihre Gesichter waren ernst. Einer von ihnen, ein großer Mann mit Glatze, ging direkt auf mich zu.

„Clara Schuster?“, fragte er mit fester Stimme.

Ich nickte langsam. Mein Herz pochte, aber es war ein kühles, berechnendes Pochen, das mich ruhig hielt.

Lea lachte hysterisch. „Sie ist überführt! Endlich! Oma Helgas wahres Erbe gehört uns!“ Ihre Stimme war triumphierend, ihre Freude ungezügelt.

Mein Vater Thomas stand wie angewurzelt da, seine Augen huschten zwischen mir und den Beamten hin und her. Meine Mutter Margarete versuchte, die Kontrolle zu behalten, ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich gepresst.

„Was ist das hier?“, zischte Margarete. „Das ist eine Frechheit! Sie können nicht einfach in unser Haus stürmen! Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“

Der große Mann ignorierte sie. Er sah mich an, und in seinen Augen lag etwas, das nicht nach polizeilicher Festnahme aussah, eher nach einer stillen Bestätigung.

„Frau Schuster“, sagte er, seine Stimme war leise, aber bestimmt. „Ich bin Kriminalhauptkommissar Schmidt. Wir sind hier, um…“

Er brach ab, als eine Frau in einem eleganten dunkelblauen Anzug durch die Tür trat. Ihre Haare waren kurz geschnitten, ihre Augen scharf und intelligent. Frau Dr. Richter.

Ein Zucken ging durch Margaretes Gesicht. Sie erkannte die Frau sofort, ihre selbstsichere Fassade bekam einen ersten Riss.

„Frau Dr. Richter?“, stieß Margarete hervor, ihre Stimme war plötzlich unsicher, fast flehend. „Was… was hat das zu bedeuten?“

Frau Dr. Richter trat vor. Ihr Blick ruhte auf Lea, die immer noch alles filmte, dann auf meinen Eltern, die zunehmend panisch wirkten.

„Guten Tag, Herr und Frau Schuster“, sagte Frau Dr. Richter. Ihre Stimme war ruhig, aber jede Silbe trug Gewicht, füllte den Raum mit einer Autorität, die meine Mutter nicht kannte. „Ich bin Frau Dr. Richter von der Abteilung für Finanzbetrug. Und wir sind nicht hier, um Clara Schuster festzunehmen.“

Ein eisiger Schauer lief Lea über den Rücken. Ihre Augen weiteten sich, der Livestream schwankte, als ihre Hand zitterte. Ihr anfänglicher Triumph wich einer sichtbaren Verwirrung.

„Was?“, flüsterte Lea. „Nicht… nicht festnehmen? Was reden Sie da? Das ist doch…“ Sie suchte nach Worten, fand sie aber nicht.

Mein Vater Thomas taumelte leicht zurück, seine Hand suchte Halt am Türrahmen. Margaretes Gesicht wurde kalkweiß, die Erkenntnis schlug ihr ins Gesicht. Sie verstand sofort.

Frau Dr. Richter nickte mir kaum merklich zu. Eine Welle der Bestätigung durchzog mich. Mein Plan, den ich wochenlang mit ihr geschmiedet hatte, nahm Gestalt an, und die Spannung, die ich so lange gefühlt hatte, wich einer stillen Entschlossenheit.

You May Also Like

More From Author

+ There are no comments

Add yours