Stunden später lag das Anwesen in einer gespenstischen Ruhe. Die letzten Ermittler waren vor einer Weile gegangen, ihre Spuren in der Diele waren die einzigen Zeugen des Geschehens. Ich saß allein in Oma Helgas alter Bibliothek, umgeben von dem vertrauten Geruch nach Büchern und trockenem Holz. Die Dämmerung brach herein und tauchte den Raum in ein fahles Licht, das die Schatten der leeren Regale lang und unheimlich erscheinen ließ.
Im Nebenzimmer hörte ich das leise Rascheln von Jakobs Sachen. Er packte, bereit, diesen Ort zu verlassen, der für uns beide so viel Schmerz und so viele unerwartete Enthüllungen barg. Die Realität dessen, was wir getan hatten, begann langsam, sich in meinem Bewusstsein auszubreiten, wie ein kühler Nebel, der sich über alles legte.
Mein Handy summte leise auf dem polierten Holztisch. Ich hob es zögernd auf. Eine verpasste Nachricht von Frau Dr. Richter. Nicht nur eine, sondern drei. Und ein Anrufprotokoll. Mein Finger strich über das Display, zögerte, bevor ich die Nachrichten öffnete, als ob ich Angst vor ihrem Inhalt hätte.
Die erste war kurz: „Clara, die offizielle Ermittlung gegen die Schusters und Notar Gruber ist eingeleitet. Die Medien haben die Geschichte aufgegriffen. Die Staatsanwaltschaft ist involviert. Gute Arbeit.“
Die zweite enthielt einen Link zu einem Nachrichtenartikel, der von Leas Livestream handelte, den sie selbst unbewusst zur Waffe gegen ihre eigene Familie gemacht hatte. Überschrift: „Familiendrama im Hause Schuster: Live-Stream entlarvt Millionenbetrug und Urkundenfälschung!“ Ich klickte nicht darauf. Ich musste es nicht lesen. Ich hatte es erlebt, jede schmerzhafte Sekunde.
Die dritte Nachricht war eine persönliche Anmerkung von Frau Dr. Richter: „Ich bin beeindruckt von Ihrem Mut und Ihrer Weitsicht, Clara. Das war eine der komplexesten Fälle, die ich je betreut habe, und Ihre Rolle war entscheidend. Denken Sie an die Stiftung. Ich werde Ihnen morgen früh die notwendigen Kontakte zukommen lassen. Ruhen Sie sich aus.“
Ich las die Nachrichten immer wieder, mein Blick verweilte auf den Worten „Gute Arbeit“ und „Mut und Weitsicht“. Ein schwacher Trost, aber ein Trost, der in diesem Moment mehr Bedeutung hatte, als ich es zugeben wollte. Das Gefühl, von einer so erfahrenen und integren Frau wie Frau Dr. Richter ernst genommen und anerkannt zu werden, war ein Anker in der stürmischen See meiner Gefühle.
Ich antwortete nicht sofort. Meine Finger, die vor wenigen Stunden noch fest das Tablet mit den Beweisen gehalten hatten, zitterten nun leicht. Die Stille in der Bibliothek war erdrückend, nur das ferne Summen der Stadt drang gedämpft herein. Es war die Stille einer Welt, die sich gerade neu ordnete, aber noch nicht zur Ruhe gekommen war. Eine Stille, die nicht beruhigte, sondern das Echo der vergangenen Stunden verstärkte, es in meinen Ohren klingen ließ.
Ich stand langsam auf. Mein Körper fühlte sich seltsam taub an, als hätte ich eine Ewigkeit unter Wasser verbracht und käme nun erst wieder an die Oberfläche, um nach Luft zu schnappen. Meine Kehle war trocken, meine Zunge klebte am Gaumen.
Ich ging zur kleinen Anrichte in der Ecke des Raumes, wo Oma immer eine Karaffe mit frischem Wasser bereithielt. Sie hatte für alles vorgesorgt. Selbst für diesen Moment, diese Stunde der Leere. Meine Hände zitterten leicht, als ich nach dem Glas griff. Der Rand des Glases war kühl unter meinen Fingern, eine kleine, tröstliche Sensation, die mich in die Gegenwart zurückholte.
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