Die Luft im Wohnzimmer war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Meine Eltern standen wie vor Gericht, ihre Gesichter waren blass und furchterfüllt. Lea, immer noch starr vor Schock, hielt ihr Handy wie einen Schutzschild fest, obwohl der Stream wohl kaum noch jemandem half.
Frau Dr. Richter drehte sich zu Margarete und Thomas um, ihr Blick war durchdringend, unerbittlich. „Herr Schuster, Frau Schuster. Wir haben erste Hinweise auf verdächtige Überweisungen nach dem Tod Ihrer Mutter. Hohe Summen, die nicht in den offiziellen Nachlasspapieren auftauchen und die Herkunft nicht nachvollziehbar ist.“
Meine Mutter schnaubte verächtlich, versuchte ihre Fassade aufrechtzuerhalten. „Das ist doch lächerlich! Das sind private Angelegenheiten! Wir haben das Recht auf unsere Privatsphäre! Sie können nicht einfach unsere Konten durchwühlen!“
„Wenn private Angelegenheiten sich mit Erbschaftsbetrug überschneiden, Frau Schuster, dann enden die Privatsphäre-Rechte“, entgegnete Frau Dr. Richter trocken. „Jakob, Ihr Bruder, hat uns detaillierte Informationen über diese Transaktionen geliefert. Informationen, die wir bestätigt haben.“
Jakob nickte bestätigend. Sein Blick auf Margarete war enttäuscht, aber fest. „Ich habe lange genug die Augen vor euren Machenschaften verschlossen, Mutter. Aber das hier ging zu weit. Oma Helga hätte das nie gewollt.“
Margarete funkelte ihn an, ihre Augen waren voller blankem Hass. „Du Verräter! Du zerstörst diese Familie! Du bist nicht mehr mein Sohn!“
„Ihr habt sie zuerst zerstört“, konterte Jakob, seine Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Mit eurer Gier und euren Lügen.“
Mein Vater Thomas, der bislang nur gemurmelt und gezittert hatte, fand plötzlich seine Stimme. Er rang um Haltung. „Es gibt keine Ungereimtheiten! Wir haben Notar Gruber mit allen notwendigen Formalitäten beauftragt. Das waren alles legale Schritte, alles nach Vorschrift!“ Seine Stimme klang jedoch hohl und unsicher, er glaubte seinen eigenen Worten kaum noch.
Frau Dr. Richter lächelte wieder, dieses Mal ohne jegliche Wärme, ein Lächeln, das eher eine Grimasse der Missbilligung war. „Herr Gruber ist ein wichtiger Punkt unserer Untersuchung, Herr Schuster. Uns liegen Informationen vor, dass seine Honorare für die Bearbeitung des Nachlasses Ihrer Mutter weit über dem üblichen Rahmen lagen. Ungewöhnlich weit, sogar für einen so prominenten Notar.“
Ich trat vor, hielt den USB-Stick, den Jakob mir gegeben hatte, sichtbar in der Hand. Seine metallische Oberfläche glänzte. „Diese Informationen sind nicht nur ‚vorliegend‘, Frau Dr. Richter. Sie sind hier.“
Margaretes Augen weiteten sich, als sie den kleinen Stick sah. Ein Blick des blanken Entsetzens huschte über ihr Gesicht. Die Kontrolle entglitt ihr endgültig.
„Was ist das?“, presste sie hervor. Ihre Stimme war jetzt kaum mehr als ein Krächzen, voller Furcht.
„Das ist die Wahrheit, Mutter“, sagte ich. „Die E-Mails, die Überweisungsbelege, die Kontoauszüge. Alles, was Jakob gesammelt hat, jedes Detail eurer Machenschaften.“
Frau Dr. Richter nahm den Stick entgegen und reichte ihn einem der Ermittler. „Bitte sichern und überprüfen Sie den Inhalt umgehend. Wir brauchen eine detaillierte Aufschlüsselung der Korrespondenz mit Notar Gruber und der Zahlungseingänge auf seinen Konten. Jede Transaktion muss nachvollzogen werden.“
+ There are no comments
Add yours