Mit zitternden Händen verließ ich die Geheimkammer und schloss die Vertäfelung hinter mir.
Die Rabenstein-Chronik und Antons Unfruchtbarkeitsbericht hielt ich fest umklammert.
Ich eilte in mein Zimmer, schloss die Tür ab und breitete die alten Pergamentseiten und den medizinischen Bericht auf dem Tisch aus.
Die Chronik war ein unheimliches Dokument, geschrieben in einer archaischen Sprache, die ich nur mit Mühe entziffern konnte.
Sie begann mit den frühen Reimers-Ahnen und beschrieb detailliert ihre Geschichte, ihre Besitztümer und dann, immer wiederkehrend, das Unglück, das die männliche Linie heimsuchte.
Ich stieß auf ein Kapitel, das explizit den “Fluch der Unfruchtbarkeit” beschrieb.
Es sprach von einem alten Pakt, den ein Vorfahr einst geschlossen hatte, der dem Hause Reimers Reichtum und Macht beschert hatte, aber zu einem schrecklichen Preis: Die direkten männlichen Erben sollten mit einer Krankheit geschlagen werden, die ihnen die Fähigkeit nahm, eigene Nachkommen zu zeugen.
Die Chronik beschrieb spezifische körperliche Merkmale, die diesen Fluch kennzeichneten.
Ein bestimmter Muttermal, eine schwächliche Konstitution, oft begleitet von einem tiefen, unerklärlichen Schatten in den Augen.
Mein Blick huschte zum medizinischen Bericht von Anton.
Die Beschreibung passte perfekt zu ihm.
Das Muttermal hinter seinem Ohr, das wir immer für ein Schönheitsmerkmal gehalten hatten.
Seine manchmal melancholische Stimmung, die ich seiner kreativen Ader zugeschrieben hatte.
Die Chronik warnte explizit: “Falsche Erben werden den gesamten Stamm verdorren lassen, die Kraft des Paktes aufzehren und das Haus ins Unglück stürzen.”
Das war der Kern der Sache.
Es ging nicht nur um Geld, sondern um die Existenz des gesamten Clans.
Antons Verzweiflung war echt gewesen, wenn auch fehlgeleitet und skrupellos umgesetzt.
Ich las weiter.
Die Chronik erwähnte auch “schreckliche, blutige Rituale”, die von früheren Generationen durchgeführt worden waren, um den Fluch “umzulenken” oder “zu besänftigen”.
Es war die Rede von Opfern, von mystischen Beschwörungen in dunklen Nächten, alles, um einen Erben zu erzwingen oder die Auswirkungen des Fluches auf andere Mitglieder der Familie zu übertragen.
Die Beschreibungen waren vage, aber die Implikationen waren klar und zutiefst verstörend.
Dies war die Art von okkulter Forschung, in die Lena sich vertieft hatte.
Nicht nur Genealogie, sondern dunkle Magie.
Ich nahm mein Handy und rief Frau Dr. Becker an.
Sie antwortete sofort.
“Clara? Haben Sie etwas gefunden?”
“Ich habe es gefunden, Anja”, sagte ich, meine Stimme war heiser vor all den neuen Erkenntnissen.
“Alles. Antons Unfruchtbarkeitsbericht von vor fünfzehn Jahren. Und die Rabenstein-Chronik, die den ‘Fluch der Unfruchtbarkeit’ detailliert beschreibt.”
Eine kurze Stille am anderen Ende der Leitung.
“Fluch?”, fragte Anja vorsichtig.
“Ja. Ein uralter Fluch, der die männlichen Reimers-Erben unfruchtbar macht. Und die Chronik warnt davor, ‘falsche Erben’ einzusetzen. Sie spricht sogar von blutigen Ritualen, um den Fluch zu umgehen oder zu transferieren.”
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