Zwei Tage später, an einem kühlen Herbstabend, warteten Anja und ich in einem abgelegenen Café in München auf Herrn Norbert Gruber.
Es war ein unscheinbarer Ort, perfekt für ein geheimes Treffen.
Anja hatte ihn telefonisch kontaktiert, indem sie Andeutungen über eine bevorstehende, umfassende Steuerprüfung machte, die seine Rolle bei “gewissen Immobiliengeschäften der Rabenstein Erben GmbH” beleuchten würde.
Gruber war in Panik geraten und hatte dem Treffen zugestimmt, unter der Bedingung, dass es absolut diskret sei.
Ich sah ihn durch das Fenster, wie er die Straße entlanghastete, ein schmaler Mann in einem schlecht sitzenden Anzug.
Sein Gesicht war bleich, seine Augen huschten nervös hin und her.
Er wirkte wie ein gejagtes Tier.
Er betrat das Café und spähte durch den Raum, bis sein Blick auf unseren Tisch fiel.
Ich hob leicht die Hand.
Er kam zögernd näher, seine Schultern waren hochgezogen.
“Frau Weber”, murmelte er, als er sich setzte.
Seine Stimme war nur ein Flüstern.
“Und Frau Becker. Was wollen Sie von mir?”
Anja legte ruhig eine Mappe auf den Tisch, ohne sie zu öffnen.
“Herr Gruber, wir wissen von Ihren fragwürdigen Geschäften mit der Rabenstein Erben GmbH. Und wir wissen, dass Sie Geburtsurkunden manipuliert haben.”
Grubers Augen weiteten sich.
Ein Schweißperle lief ihm über die Schläfe.
“Ich… ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.”
“Doch, das tun Sie”, sagte ich ruhig.
“Die Geburtsurkunden von Antons angeblichen Söhnen. Die Zwillinge, die Lena Schmidt geboren hat.”
“Das ist alles rechtmäßig”, sagte Gruber, aber seine Stimme brach fast ab.
“Ich habe nur die Anweisungen befolgt.”
“Wessen Anweisungen?”, fragte Anja scharf.
“Die von Anton Reimers und Lena Schmidt?”, setzte sie nach.
“Ich hatte keine Wahl!”, platzte es aus ihm heraus.
“Sie haben mich bedroht! Meine Existenz!”
“Womit?”, fragte ich.
“Mit dem Ruin meiner Kanzlei. Mit Schulden. Sie wussten von meinen finanziellen Schwierigkeiten.”
Er senkte den Kopf, schüttelte ihn immer wieder.
“Ich bin in eine Falle getappt.”
“Erzählen Sie uns alles”, sagte Anja.
“Und wir werden sehen, was wir für Sie tun können, wenn die Behörden von Ihren Steuersachen erfahren.”
Gruber zögerte, wappnete sich, schien innerlich zu kämpfen.
Doch die Angst in seinen Augen war stärker als jeder Widerstand.
“Anton Reimers kam vor über einem Jahr zu mir”, begann er.
“Er war verzweifelt. Er sagte, er brauche unbedingt männliche Erben. Er sprach von einem Fluch, der seine Familie heimsucht, aber ich hielt das für Aberglaube.”
Meine Augen trafen Anjas.
Der Fluch.
Es war nicht nur Anton, der daran glaubte, sondern er hatte es auch anderen gegenüber erwähnt, wenn auch verdeckt.
“Er sagte, er habe eine Lösung gefunden. Eine Frau, die ihm helfen würde”, fuhr Gruber fort.
“Lena Schmidt. Sie war schon schwanger, als ich sie das erste Mal sah.”
“Wann war das?”, fragte Anja.
“Vor ungefähr sieben Monaten, glaube ich. Ja, es muss so gewesen sein.”
“Und er wollte, dass Sie die Geburtsurkunden so manipulieren, dass er als Vater eingetragen wird?”, fragte ich.
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