Ihre Hochzeit zerbrach das Schweigen über das Feuer, das mich entstellte
Meine Suche nach Herr Gruber musste warten. Bevor ich einen scheinbar erfolgreichen Versicherungsagenten konfrontierte, brauchte ich mehr Rückendeckung. Zeugen. Ich musste beweisen, dass die „Reinen des Lichts“ nicht nur ein Gerücht, sondern ein System des Schweigens waren.
Ich begann mit der alten Liste der Gemeindemitglieder, die meine Großmutter ebenfalls aufbewahrt hatte. Vergilbte Papiere mit handgeschriebenen Namen und Adressen von Menschen, die vor zwölf Jahren unsere Nachbarn gewesen waren. Menschen, die den Brand hautnah miterlebt hatten.
Ich hatte noch schwache Erinnerungen an einige von ihnen: Familie Meier, die drei Häuser weiter wohnte; Herr und Frau Schmidt, die immer auf ihre Blumenbeete stolz waren; die junge Frau Sommer, die uns oft mit selbstgebackenem Brot versorgt hatte.
Ich begann mit Telefonanrufen. Stunde um Stunde saß ich an meinem Küchentisch, mit dem Telefon in der Hand und der Liste vor mir. Mein Herz pochte bei jedem Klingeln, voller Hoffnung, aber auch Furcht.
Die ersten paar Nummern waren nicht mehr vergeben. „Diese Nummer ist nicht mehr aktiv“, sagte eine mechanische Stimme immer wieder. Einige Familien waren einfach weggezogen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die „Reinen des Lichts“ hatten eine gewisse Fluktuation. Wer nicht passte, wurde oft sanft dazu ermutigt, anderswo sein Glück zu finden.
Dann erreichte ich endlich jemanden. Eine ältere Frau, deren Name mir vage bekannt vorkam. Frau Becker. Ich stellte mich vor, erklärte meine Absicht, nach dem Feuer vor zwölf Jahren zu fragen.
Eine lange Stille am anderen Ende der Leitung. Dann ein leises, belegtes Räuspern.
„Ich… ich weiß nichts, mein Kind“, flüsterte sie. Ihre Stimme war dünn, beinahe zerbrechlich. Es klang nicht nach Unwissenheit, sondern nach Angst. „Wir wurden angewiesen, nicht über diese Zeit zu sprechen. Es ist Vergangenheit. Lassen Sie es ruhen.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, legte sie auf. Der harte Ton des Wählscheibengeräuschs hallte in meinem Ohr nach. Es war ein Schlag ins Gesicht, aber es bestätigte meine Befürchtungen. Sie waren angewiesen worden zu schweigen.
Ich versuchte es bei der nächsten Nummer. Herr Gruber. Nicht der Versicherungsagent, sondern ein Namensvetter, ein ehemaliger Nachbar. Ein Mann nahm ab, seine Stimme klang rau und genervt.
„Ja?“
„Guten Tag, mein Name ist Lena Richter. Ich rufe wegen des Brandes vor zwölf Jahren an…“
Ein harter Klick. Er hatte aufgelegt, noch bevor ich meinen Satz beenden konnte. Ohne ein Wort. Die Ablehnung war spürbar.
Eine Welle der Frustration rollte über mich hinweg. Es war, als würde ich gegen eine unsichtbare Mauer anrennen. Die Gemeinde der „Reinen des Lichts“ schien ihre Mitglieder in einen Kokon des Schweigens gehüllt zu haben. Angst war ein mächtiges Werkzeug, und der Ältestenrat wusste genau, wie man es einsetzte.
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