Die Krankenschwester, die ihre Patientin vor einem falschen Hirntod bewahrte und alles verlor.
Eine Stunde später klopfte es leise an die Tür meines Büros. Frau Dr. Anja Meier stand dort, die Haare akkurat zurückgebunden, ihr Blick ernst. Sie trug einen dunklen Mantel, und trotz der späten Stunde wirkte sie vollkommen gefasst. Ihre Präsenz strahlte eine ruhige Autorität aus, die in diesem Moment genau das war, was ich brauchte.
„Frau Weber“, sagte sie. „Zeigen Sie mir die Postkarte.“
Ich schloss die Tür hinter ihr und holte die Schatulle wieder hervor. Die Postkarte legte ich vorsichtig auf den Schreibtisch.
Frau Meier beugte sich darüber. Sie zog eine kleine Lupe aus ihrer Handtasche und untersuchte die Schrift. Ihre Augen wanderten systematisch über die Zahlenfolgen und die eingekreisten Buchstaben.
„München“, murmelte sie. „Das ist klar. Und das Ü und H sind hervorgehoben.“
Ich nickte. „Das hatte ich auch schon gesehen. Aber die Zahlen… ich komme nicht darauf.“
„Diese Zahlenfolgen“, sagte sie, während sie sich eine Notiz machte, „erinnern mich an etwas.“ Sie schloss kurz die Augen, dann öffnete sie sie wieder. „Klaus hat in seinen Forenbeiträgen über eine alte Methode gesprochen, wie man geheime Nachrichten in scheinbar unschuldigen Dokumenten verstecken kann, indem man auf bestimmte Zeilen oder Absätze in öffentlichen Aufzeichnungen verweist.“
Meine Augen weiteten sich. „Öffentliche Aufzeichnungen?“
„Ja“, sagte sie. „Denken Sie an alte Grundbücher, Handelsregister oder sogar Telefonbücher. Wenn Sie eine Reihe von Ziffern haben, könnten sie für Seitenzahlen, Zeilennummern oder sogar einzelne Buchstaben in einem spezifischen Dokument stehen.“
„Aber welches Dokument?“, fragte ich verzweifelt. „Es gibt Millionen von ihnen.“
„München“, wiederholte sie. „Und die hervorgehobenen Buchstaben Ü und H. Gibt es einen Notar in München, dessen Nachname mit diesen Buchstaben beginnt? Oder eine Anwaltskanzlei?“
Ich dachte fieberhaft nach. „Ich habe keine Ahnung. Frau Schmidt hat nie über solche Dinge gesprochen.“
„Aber ich weiß, dass sie seit dem Tod meines Vaters eine sehr diskrete Finanzberaterin hatte“, sagte Frau Meier. „Sie hat immer betont, wie wichtig es sei, ‚Vorkehrungen zu treffen‘, falls Klaus eines Tages versuchen sollte, sie zu übervorteilen.“
Wir schwiegen kurz. Die Stille war nur vom leisen Geräusch meiner hektischen Atmung gefüllt.
„Was, wenn die Zahlen für ein Datum stehen?“, schlug ich vor. „Oder eine Uhrzeit?“
Frau Meier nickte. „Das ist möglich. Oder eine Kombination.“ Sie wies auf die erste Zahlenfolge: „14-3-21-5.“ „Was, wenn das ein Datum ist? Vierzehnter März, einundzwanzigste Kalenderwoche… Fünf?“
„Der fünfte Tag der Woche?“, überlegte ich. „Ein Freitag.“
„Genau“, sagte Frau Meier. „Und diese ‚08-15-22-03‘. Achtzehnter Mai, zweiundzwanzigster Juni… Drittes Jahr?“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist zu vage ohne weiteren Kontext.“
Wir arbeiteten fast eine Stunde zusammen, versuchten verschiedene Kombinationen, doch die Lösung blieb uns verborgen. Die Müdigkeit nagte an mir, aber die Anwesenheit von Frau Meier gab mir neue Kraft. Sie tippte konzentriert auf ihrem Handy herum.
„Ich habe etwas“, sagte sie plötzlich. Ihr Blick war auf ihr Smartphone geheftet. „Ich habe alle Münchner Notare und Anwaltskanzleien durchsucht, die in den letzten 20 Jahren aktiv waren und deren Namen die Buchstaben Ü oder H enthalten, oder die in einem der alten Finanzforen, die ich kenne, erwähnt wurden.“
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