Die Krankenschwester, die ihre Patientin vor einem falschen Hirntod bewahrte und alles verlor.
Mit dem Zusatztestament in Händen verließen Frau Meier und ich das Notariat. Die Sonne schien über München, doch mir war kalt bis auf die Knochen. Wir hatten den Beweis, aber die Dringlichkeit war erdrückend. Die Frist von zwei Tagen für Klaus’ Erbe war auch die Frist für Frau Schmidts Leben.
„Wir gehen direkt zur Staatsanwaltschaft“, sagte Frau Meier, während wir auf dem Bürgersteig eilten. Ihre Stimme klang entschlossen, doch ich spürte ihre Anspannung. „Dieses Dokument beweist Klaus’ Motiv eindeutig.“
Wir stiegen in ein Taxi. Ich hielt das Dokument fest in meiner Tasche, als wäre es ein zerbrechliches Leben, das ich beschützen musste.
Doch bevor wir überhaupt die Staatsanwaltschaft erreichten, klingelte mein Handy. Wieder eine unbekannte Nummer. Diesmal zögerte ich nicht.
„Helga Weber“, meldete ich mich.
„Frau Weber. Thomas Richter hier. Notar.“ Die Stimme am anderen Ende war glatt, ruhig und unheimlich vertraut. Ich erinnerte mich an Klaus Vogels Anwaltsteam; dieser Name war dort aufgetaucht, als es um die Vollmachten ging. „Ich habe gehört, Sie haben heute Morgen eine interessante Entdeckung gemacht.“
Mein Magen krampfte sich zusammen. Wie wusste er das? So schnell?
Ich war sprachlos. Neben mir spürte ich, wie Frau Meier mich fragend ansah.
„Ich nehme an, Sie halten das Dokument jetzt in Ihren Händen“, fuhr Richter fort, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Das Zusatztestament von Frau Schmidt. Sehr unglücklich, dass es jetzt auftaucht.“
„Wer sind Sie?“, fragte ich, meine Stimme war scharf.
„Ich bin jemand, der die Situation von allen Seiten beleuchtet hat“, erwiderte Richter. „Und ich bin hier, um Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten, der für alle Beteiligten von Vorteil sein könnte.“
„Wir sind nicht an Vorschlägen von Ihnen interessiert“, sagte ich, meine Wut stieg in mir auf.
„Das sollten Sie aber, Frau Weber“, sagte Richter, seine Stimme wurde eine Nuance kälter. „Ich weiß, dass Sie in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Ihre Suspendierung wird bald in eine Entlassung und den Entzug Ihrer Lizenz münden. Ihre Karriere ist so gut wie vorbei.“
Ein Stich traf mich ins Herz. Es stimmte.
„Ich bin bereit, Ihnen eine beträchtliche Summe anzubieten“, fuhr Richter fort. „Sagen wir, fünfzigtausend Euro. Bar. Heute noch.“
Mir verschlug es den Atem. Fünfzigtausend Euro. Das war mehr Geld, als ich jemals auf einmal besessen hatte. Das würde meine Schulden tilgen, mir einen Neuanfang ermöglichen.
„Dafür erwarte ich nur eine Kleinigkeit von Ihnen“, sagte Richter. „Das Zusatztestament verschwindet. Sie ziehen Ihre Anschuldigungen gegen Herrn Vogel zurück. Und Sie vergessen alles, was Sie ‚entdeckt‘ haben.“
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Die Dreistigkeit dieses Mannes war unfassbar.
„Sie wollen, dass ich zulasse, dass ein Mörder frei herumläuft und seine Mutter stirbt?“, fragte ich, meine Stimme war von Empörung erfüllt.
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