Oberstleutnantin Anneliese Richter kämpft in den 50ern gegen reiche Familie, um ihre verletzte Tochter und Familiengeheimnisse zu enthüllen.
Der Name “Lieselotte” brannte sich in mein Gedächtnis. Sie war die letzte Hoffnung, die fehlenden Puzzleteile zu finden. Ihre Warnungen, die Viktor in seinem Tagebuch notiert hatte, deuteten darauf hin, dass sie mehr wusste als jeder andere. Sie war die ältere, entfremdete Schwester der Freifrau Helga – eine Frau, die aus dem erhabenen Kreis der Ehrenbergs verbannt worden war.
Ich recherchierte ihre Adresse über alte Familienaufzeichnungen, die Viktor in einem seiner Fotoalben aufbewahrt hatte. Sie lebte in einem unscheinbaren Mietshaus in Schwabing, einem Viertel, das im starken Kontrast zum prunkvollen Anwesen der Ehrenbergs stand.
Eines grauen Nachmittags machte ich mich auf den Weg. Meine Uniform trug ich nicht. Ich wollte nicht als Oberstleutnantin erscheinen, sondern als eine Frau, die Antworten suchte. Ich wollte keine Bedrohung darstellen, sondern Vertrauen aufbauen.
Das Haus war alt, die Fassade bröckelte leicht. Es roch nach Kohleöfen und gekochtem Gemüse. Ich klingelte an der dritten Etage. Nach einer Weile hörte ich schleifende Schritte.
Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. Eine alte Frau blickte mich misstrauisch an. Ihr Haar war dünn und grau, ihre Augen waren scharf, aber müde. Das war Tante Lieselotte.
„Ja?“, fragte sie, ihre Stimme war rau vom Alter.
„Guten Tag, Tante Lieselotte“, sagte ich sanft. „Ich bin Anneliese Richter. Viktors Frau. Claras Mutter.“
Ihr Blick weiteten sich vor Überraschung. Sie hatte mich auf den ersten Blick nicht erkannt. Dann wich die Überraschung einem tiefen Misstrauen.
„Was wollen Sie hier?“, fragte sie schroff. „Ich habe nichts mehr mit dieser Familie zu tun.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber ich glaube, Sie könnten mir helfen. Es geht um Viktor. Und um Clara.“
Sie zögerte. Ihr Blick wanderte über meine Schulter, als würde sie sicherstellen, dass ich nicht von jemandem begleitet wurde.
„Ich habe gesagt, ich habe nichts mehr mit ihnen zu tun“, wiederholte sie. „Das ist lange her.“
„Bitte, Tante Lieselotte“, sagte ich. „Es ist dringend. Und ich glaube, Viktor hat Ihnen vertraut.“
Ich holte Viktors Tagebuch aus meiner Tasche. Ich hielt es so, dass sie seine vertraute Ledereinband erkennen konnte.
Ihr Blick fiel auf das Tagebuch. Ein Zittern ging durch ihren Körper. Die starre Fassade bröckelte.
„Kommen Sie herein“, sagte sie leise. „Aber machen Sie keinen Ärger.“
Ich trat ein. Die Wohnung war klein, aber gemütlich und sauber. Überall standen Bücher und kleine Porzellanfiguren. Ein alter Kachelofen spendete Wärme. Es war ein Ort des Friedens, fernab vom Ehrenbergschen Glanz.
Sie setzte sich in einen Sessel, ihr Körper sank müde hinein. Ich setzte mich ihr gegenüber auf einen Schemel.
„Ich habe Viktors Tagebuch gefunden“, sagte ich und reichte es ihr. „Er hat Ihre Warnungen darin notiert.“
Sie nahm das Tagebuch, ihre Finger strichen über den Einband. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
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