Oberstleutnantin Anneliese Richter kämpft in den 50ern gegen reiche Familie, um ihre verletzte Tochter und Familiengeheimnisse zu enthüllen.
Ich sah auf das Foto von Viktor auf meinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte. Es war Major Gruber von der Personalabteilung, der mich um eine Routineuntersuchung bat. Seine Stimme klang wie immer: präzise, aber auch ein wenig müde. In den letzten Wochen hatte ich das Bild meines verstorbenen Mannes immer wieder angesehen, die Uniformjacke, das leichte Lächeln. Man hatte mir gesagt, er sei bei einem tragischen Militärunfall ums Leben gekommen. Eine fehlerhafte Munitionsladung, so hieß es. Doch die Erklärung hatte sich nie ganz richtig angefühlt.
Es war eine Leere, die nichts füllen konnte.
Ich stand auf, legte den Hörer beiseite. Die Gedanken an Clara, die jetzt bei den Ehrenbergs gefangen war, mischten sich mit dieser alten Ungewissheit. Viktor hatte begonnen, sich vor seinem Tod zu verändern. Er war unruhig gewesen, oft in Gedanken verloren, etwas, das nicht zu dem sonst so gefassten Mann passte, den ich geheiratet hatte. Er hatte über “geschäftliche Ethik” gesprochen, über “moralische Kompromisse”, die er nicht eingehen konnte. Damals hatte ich es als den Druck seiner neuen Position bei den Ehrenberg-Werken abgetan.
Jetzt, da ich wusste, zu welchen Taten diese Familie fähig war, begann ein neues Licht auf seine letzten Wochen zu fallen.
Ich erinnerte mich an einen Abend, kurz vor seinem Tod. Er hatte müde ausgesehen. Er saß an seinem Schreibtisch, seine Brille auf der Nasenspitze.
„Anneliese“, hatte er gesagt, seine Stimme war leise gewesen.
Ich hatte ihm einen Tee gebracht.
„Es gibt Dinge“, fuhr er fort, „die schwer zu ertragen sind, wenn man glaubt, an das Richtige zu glauben.“
Ich hatte ihn gefragt, was los sei.
Er hatte nur mit dem Kopf geschüttelt. „Geschäftliche Angelegenheiten. Komplexe Dinge. Nichts, womit du dich belasten solltest.“
Ich hatte gespürt, dass mehr dahintersteckte. Aber ich hatte ihn in Ruhe gelassen, vertrauend, dass er es mir erzählen würde, wenn die Zeit reif wäre. Die Zeit kam nie.
An diesem Abend im Städtischen Klinikum, nachdem Clara ihre Skizze gemalt hatte und die Kälte der Freifrau Helga meine Haut noch immer prickeln ließ, wusste ich, dass ich tiefer graben musste. Ich begann, in meinen alten Unterlagen zu wühlen. Ich hatte Kopien von allen offiziellen Berichten zu Viktors Tod aufbewahrt. Es war eine Eigenart meiner militärischen Ausbildung: immer alles dokumentieren.
Die Berichte waren nüchtern. Ein Routineeinsatz, eine Übung mit Sprengstoffen. Ein unerwarteter Defekt. Es gab Zeugenaussagen von Soldaten, die mit Viktor zusammengearbeitet hatten. Alle stimmten überein.
Doch etwas fehlte.
Ich suchte nach dem Namen des Sprengstoffherstellers. Es waren die Ehrenberg-Werke. Eine Tochtergesellschaft, die sich auf Industriegüter und – ja – auch auf militärische Sprengstoffe spezialisiert hatte. Das war mir natürlich bekannt gewesen. Viktor hatte ja selbst in der Geschäftsleitung gearbeitet.
Ich starrte auf die Zeilen. Konnte das Zufall sein?
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