Der tiefe Stuhl im prunkvollen Konferenzzimmer von Schloss Rabenstein federte nicht nach, als ich mich setzte.
Zwei Anwälte, steif und ernst, saßen mir gegenüber.
Ihre Blicke trafen meinen mit einer Mischung aus Mitleid und Kälte.
Herr Dr. Vogel, der ältere der beiden, schob eine dicke Mappe über den Mahagonitisch.
“Frau Weber,” begann er mit einer Stimme, die unnötig sanft klang, “wir sind beauftragt, Sie über die jüngsten Entwicklungen zu informieren.”
Ich nickte.
Seine Worte waren eine höfliche Vorwarnung, dass die eigentliche Attacke gleich folgen würde.
“Herr Reimers bedauert die Umstände zutiefst”, fuhr er fort und vermied dabei jeden Blickkontakt.
“Dennoch gibt es rechtliche Realitäten, die nicht ignoriert werden können.”
Er öffnete die Mappe.
“Wie Sie wissen, ist Ihr Anteil an der Rabenstein Erben GmbH geringfügig.”
Ich hatte ihn damals Anton geschenkt, als Geste meines Vertrauens.
“Die wahren Werte der Familie liegen im Grundbesitz, den Ländereien, die seit Jahrhunderten an die Reimers-Linie gebunden sind.”
Sein Kollege, ein jüngerer Mann namens Herr Steiner, räusperte sich leise.
“Diese Bindung ist an eine spezifische Erbfolge gekoppelt.”
Herr Dr. Vogel nahm ein Dokument aus der Mappe und legte es vor mich hin.
Es war eine Abschrift einer uralten Klausel, in altertümlicher deutscher Schrift verfasst und notariell beglaubigt.
“Diese Klausel besagt, dass ohne einen ‘nachweislichen männlichen Erben’ in direkter Linie der größte Teil des Rabenstein-Grundbesitzes – und damit der Großteil des Familienvermögens – an eine entfernte, karitative Stiftung fällt.”
Mein Atem stockte.
Das war neu.
Diese Information hatte Anton mir nie mitgeteilt.
Es erklärte seine panische Eile, die Scheidung einzureichen, und Lenas plötzliche Ankunft mit den Babys.
Es war nicht nur eine Affäre gewesen, es war eine verzweifelte Inszenierung.
“Herr Reimers droht also mit dem Verlust seines gesamten Erbes, wenn er keinen männlichen Nachkommen präsentieren kann?”, fragte ich und meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte.
Herr Dr. Vogel nickte langsam.
“Genau. Und in Anbetracht der Tatsache, dass die Echtheit dieser Abstammung öffentlich angezweifelt wird, ist dies ein ernstes Problem für die Familie Reimers.”
Er warf mir einen vielsagenden Blick zu.
Es war eine Drohung.
Eine klare Warnung, die er an Lena weiterleiten wollte.
Oder direkt an mich, falls ich weiter nachhakte.
“Deshalb ist es im Interesse aller Beteiligten”, fuhr Herr Dr. Vogel fort, “dass Sie die von uns vorbereitete Schweigevereinbarung unterschreiben und alle weiteren Untersuchungen Ihrerseits einstellen. Andernfalls sehen wir uns gezwungen, rechtliche Schritte wegen Rufschädigung und Verleumdung einzuleiten.”
Er legte ein weiteres Dokument auf den Tisch.
+ There are no comments
Add yours