Am nächsten Morgen begab ich mich in die Dorfbibliothek, die auch als Archiv für einige der weniger “repräsentativen” Rabenstein-Dokumente diente.
Dort traf ich auf Herrn Klaus Steiner.
Er war ein schmaler Mann mit einem buschigen weißen Haarkranz und einer dicken Brille, die auf seiner Nasenspitze balancierte.
Er saß hinter einem Holzschreibtisch, umgeben von verstaubten Folianten und Karteikarten.
Sein Blick, als ich den Raum betrat, war von einer unbestimmten Angst geprägt.
“Guten Tag, Herr Steiner”, sagte ich freundlich.
“Ich bin Clara Weber. Wir haben uns bei einigen Familienfesten in Schloss Rabenstein gesehen.”
Er hob den Kopf, seine Augen weiteten sich leicht hinter den dicken Gläsern.
“Frau Weber”, murmelte er, seine Stimme war dünn und zitternd.
“Ja, ich erinnere mich.”
Er schob ein Buch beiseite, mit einer plötzlichen, unbeholfenen Bewegung.
“Was verschlägt Sie denn hierher?”
“Ich recherchiere ein wenig über die Familiengeschichte der Reimers”, erklärte ich.
“Ich habe gehört, Sie sind seit vielen Jahren der Archivar der Familie.”
Er nickte steif.
“Fast fünfzig Jahre. Ja.”
“Ich bin bei meinen Recherchen auf einige Ungereimtheiten gestoßen, und ich dachte, Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen”, fuhr ich fort und versuchte, ihn nicht zu sehr zu bedrängen.
Ich legte die Fotos der Symbole und der Briefpassagen auf seinen Tisch.
Er beugte sich vor, seine Augen huschten über die Bilder.
Seine Finger zupften nervös an seinem Revers.
“Das… das sind alte Sachen”, sagte er leise.
“Manches ist besser unberührt geblieben, Frau Weber.”
“Unberührt?”, fragte ich und meine Intuition schrillte.
“Warum?”
Er zuckte mit den Schultern, mied meinen Blick.
“Alte Geschichten. Aberglaube. Nichts Reales.”
“Einige der Briefe sprechen von einem Unglück, das die männlichen Erben heimsucht”, sagte ich und beobachtete seine Reaktion genau.
Seine Gesichtszüge zuckten kurz.
“Das ist alles Vergangenheit. Lange her.”
“Und die Rabenstein-Chronik?”, fragte ich.
“Ich konnte nur unvollständige Exemplare finden. Es fehlen ganze Abschnitte.”
Er seufzte schwer.
“Die Chronik… ja, die ist sehr umfangreich. Und einige Teile sind… nun, verloren gegangen. Im Laufe der Jahrhunderte.”
Seine Stimme klang dabei so unecht, dass ich sofort wusste, dass er log.
“Verloren?”, hakte ich nach.
“Oder versteckt?”
Herr Steiner schreckte zurück, als hätte ich ihn mit einer Nadel gestochen.
Seine Hände zitterten, als er versuchte, die Bilder wieder zusammenzuschieben.
“Was meinen Sie?”
“Ich meine, dass die Lücken im Stammbaum, die seltsamen Symbole und die vagen Andeutungen in den Briefen kein Zufall sind”, sagte ich und lehnte mich vor.
“Und dass die vollständige Chronik vielleicht nicht verloren, sondern absichtlich an einem anderen Ort aufbewahrt wird.”
Er schüttelte hastig den Kopf.
“Nein, nein, das ist Unsinn. Ich bin der Archivar. Ich weiß, was wir haben und was nicht.”
Doch seine Augen verrieten ihn.
Sie huschten zu einem Punkt an der Wand hinter mir, als würde er dort etwas suchen, das ihm Sicherheit gab.
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