Am nächsten Morgen war die Atmosphäre im Haus dick und unerträglich.
Papas Gesicht war aschfahl, seine Augen waren rot unterlaufen.
Er sprach kaum ein Wort, saß nur da und starrte ins Leere.
Das Video hatte ihn zutiefst erschüttert, aber seine Loyalität zu Oma Ingrid war immer noch ein schützender Panzer, den die Wahrheit nur langsam durchdringen konnte.
„Sie hat bestimmt eine gute Erklärung“, hatte er leise zu Mama gesagt, bevor er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog.
„Das muss ein Missverständnis sein.“
Ein Missverständnis?
Ich konnte es kaum glauben.
Ich wusste, dass das Video unbestreitbar war.
Aber Papas Wunsch, an das Gute in seiner Mutter zu glauben, war stärker als jede Evidenz.
Ich sah Mama an.
Ihr Blick war besorgt, aber auch entschlossen.
„Wir müssen mehr finden, Lena“, flüsterte sie.
„Etwas Konkretes. Etwas, das er nicht leugnen kann.“
Ich nickte.
Mein Herz pochte vor Anspannung und einer neuen, kühlen Entschlossenheit.
Ich musste jetzt handeln.
Ich zog mir schnell meine Jacke an.
„Wo gehst du hin?“, fragte Mama.
„Ich muss etwas nachsehen“, sagte ich vage.
Ich wollte ihr nicht genau sagen, was ich vorhatte.
Meine Gedanken drehten sich um Oma Ingrid.
Was trieb sie an?
Der Einbruchsversuch, die Immobilienmaklerin, das heimliche Treffen.
Es war alles so berechnend, so kalt.
Aber Oma Ingrid war nicht reich.
Sie hatte eine kleine Rente, lebte in ihrer Wohnung in Hombruch.
Der Gedanke an Geld kam mir in den Sinn.
Geld war oft das Motiv für verzweifelte Taten.
Ich erinnerte mich an die Geldscheine, die sie dem Fremden in der Thier-Galerie zugesteckt hatte.
Woher hatte sie dieses Geld?
Und wofür brauchte sie noch mehr?
Ich schlüpfte aus der Haustür.
Mein Ziel war klar: Oma Ingrids Mülltonne.
Sie wohnte nur ein paar Straßen weiter, in einem Mehrfamilienhaus mit vier Parteien.
Sie stellte ihren Müll immer am Abend vor der Leerung raus.
Heute war der Tag der Leerung.
Ich musste schnell sein.
Ich ging die Straße entlang, meine Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
Es war noch früh am Morgen, nur wenige Menschen waren unterwegs.
Als ich um die Ecke bog, sah ich Ingrids Wohnhaus.
Vor dem Haus standen die drei schwarzen Mülltonnen.
Meine Hände waren feucht vor Nervosität.
Was, wenn sie mich erwischte?
Was, wenn ich nichts fand?
Was, wenn das alles umsonst war?
Ich ging zögernd auf die Tonnen zu.
Mein Blick huschte über die Fenster.
Alle dunkel.
Gut.
Ich hob den Deckel der mittleren Tonne an.
Ein leichter Geruch von Essensresten stieg mir in die Nase.
Ich zog mir Handschuhe an, die ich vorsorglich eingesteckt hatte.
Dann begann ich, vorsichtig den Inhalt zu durchsuchen.
Alte Zeitungen, leere Verpackungen, Kaffeefilter.
Ich arbeitete mich methodisch durch, meine Augen suchten nach allem, was ungewöhnlich war.
Ein paar Minuten vergingen.
Nichts.
Nur normaler Haushaltsmüll.
Meine Hoffnung schwand langsam.
Vielleicht war ich auf der falschen Spur.
Vielleicht war es doch ein Missverständnis, wie Papa es sich so verzweifelt wünschte.
Plötzlich spürte ich etwas Festes unter einem Haufen Papiertücher.
+ There are no comments
Add yours