Die erste Befragung hatte die Risse in unserer Familie nur noch tiefer werden lassen.
Oma Ingrids verzweifelter Versuch, Mama und mich der Lüge zu bezichtigen, hatte Papa zutiefst erschüttert.
Er war wütend, aber auch unglaublich traurig.
Die Illusion seiner liebevollen Mutter zerbrach endgültig.
Er sprach tagelang kaum ein Wort mit Oma Ingrid.
Die Anspannung im Haus war so dicht, dass man sie hätte schneiden können.
An einem Abend, als Papa in Gedanken versunken im Garten saß, sah ihn unser Nachbar, Herr Dr. Roth.
Ein pensionierter Familienrichter, den wir alle sehr schätzten.
Er war ein ruhiger, weiser Mann, der die Menschen in unserer Straße kannte.
„Thomas, ist alles in Ordnung?“, fragte Herr Dr. Roth, seine Stimme war sanft.
„Sie sehen so bedrückt aus.“
Papa erzählte ihm zögernd von dem Einbruchsversuch, den Verdächtigungen gegen Oma Ingrid und der gespannten Familiensituation.
Er erwähnte auch die Polizeiermittlungen.
Herr Dr. Roth hörte aufmerksam zu, ohne zu unterbrechen.
Als Papa geendet hatte, nickte er langsam.
„Ich denke, es ist Zeit für einen Familienrat“, sagte Herr Dr. Roth.
„Manchmal braucht es einen neutralen Vermittler, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und die Wunden zu heilen.“
Papa zögerte nicht.
Er vertraute Herrn Dr. Roth.
So kam es, dass am nächsten Nachmittag alle im Wohnzimmer saßen.
Oma Ingrid war ebenfalls da, ihre Miene war starr, aber ich sah die Angst in ihren Augen.
Herr Dr. Roth saß in der Mitte, den Rücken gerade, die Hände vor sich gefaltet.
Er hielt einen Ausdruck des Polizeiberichts in der Hand.
„Ich habe mich mit dem Kriminalbeamten unterhalten“, begann Herr Dr. Roth, seine Stimme war ruhig und bestimmt.
„Die Ermittlungen haben rasche Fortschritte gemacht.“
Er sah Oma Ingrid an.
„Frau Schneider, Herr Jürgen Meier wurde gestern Abend verhaftet.“
Oma Ingrids Augen weiteten sich vor Schock.
Ein leises Keuchen entwich ihr.
Sie presste die Lippen aufeinander, um kein Geräusch von sich zu geben.
Papa sah seine Mutter an.
Sein Blick war eine Mischung aus Trauer und Erschütterung.
Herr Dr. Roth fuhr fort.
„Herr Meier hat ein umfassendes Geständnis abgelegt.“
Er hob den Bericht etwas an.
„Er hat detailliert beschrieben, wie Sie ihn beauftragt haben, in dieses Haus einzubrechen. Er hat auch die Anweisungen bestätigt, die Sie ihm bezüglich des Grundbuchblatts, der Pässe und des Schmucks gegeben haben.“
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