Er stellte seine Geliebte und Zwillinge vor – ich erwiderte mit einer Wahrheit, die seine gesamte Vaterschaft in Frage stellte.
Die Erkenntnis über Klaus’ verminderte Zeugungsfähigkeit saß wie ein kalter Stein in meinem Magen. Sie erklärte Helenes Besessenheit von einem „Erben“ und warf ein völlig neues Licht auf Elkes plötzliches Auftauchen mit den Zwillingen. Es war keine Laune des Schicksals, sondern eine geplante Inszenierung.
Ich brauchte jemanden, der die Familiengeschichte kannte, jemanden, der jahrzehntelang im Schatten der von Reichenbachs gelebt hatte und ihre Geheimnisse kannte. Schwester Martha, eine ältere Diakonisse, war die einzige Person, die mir einfiel. Sie hatte die Familie als Krankenschwester und Haushälterin jahrzehntelang begleitet, war eine stille Beobachterin gewesen.
Ich wusste, dass es riskant war, sie zu kontaktieren. Sie war loyal gegenüber „Die Eintracht“, aber ich hatte in ihren Augen immer einen Funken von Mitgefühl gesehen, ein unausgesprochenes Verständnis für die Ungerechtigkeiten, die in den Mauern des Anwesens geschahen. Ich schickte ihr eine kurze, unauffällige Nachricht über einen Boten, der nicht mit „Die Eintracht“ verbunden war.
„Ich muss Sie sprechen. Dringend. Es geht um Klaus und seine Vergangenheit.“
Zwei Stunden später erhielt ich eine Antwort, ebenso diskret. „Klostergarten. Hinter dem alten Apfelbaum. Morgen früh, wenn der Nebel noch liegt.“ Es war ein Ort, der abseits der Blicke der anderen Bewohner lag, fast versteckt.
Am nächsten Morgen schlüpfte ich, bevor die Sonne richtig aufging, aus meinem Apartment. Die Luft war kühl und feucht, der Nebel hing wie ein Schleier über den Feldern. Mein Herz schlug ein wenig schneller, als ich mich dem Klostergarten näherte.
Schwester Martha wartete bereits auf mich, eine kleine, gebückte Gestalt in ihrer dunklen Tracht, die fast mit den nebelverhangenen Bäumen verschmolz. Ihre Augen waren wach und klar, als ich näher kam.
„Luisa“, flüsterte sie, kaum hörbar. Ihre Stimme war rau von Alter und vielleicht auch von Furcht. „Ich wusste, dass Sie kommen würden.“
Sie zog mich tiefer in den Schatten des alten Apfelbaums. Der Nebel dämpfte alle Geräusche, als wären wir in einer anderen Welt.
„Helenes Sorge um die ,Reinheit der Linie‘“, begann Schwester Martha, ihre Stimme ein leises Rascheln, „reicht tiefer, als jeder ahnt. Es ist eine Besessenheit, die seit Generationen in dieser Familie brennt.“
Sie sah sich vorsichtig um, als ob selbst der Nebel Ohren haben könnte.
„Klaus wurde seit seiner Jugend als ,fehlerhaft‘ betrachtet“, fuhr sie fort. „Nicht von seinem Vater, der nur wütend war. Sondern von Helene. Sie hat es nie verziehen, dass er nicht von Natur aus der ,perfekte‘ Erbe war.“
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Die Demütigung, die Klaus wegen seiner Zeugungsfähigkeit erlitten hatte, war schlimm genug. Aber die Erkenntnis, dass seine eigene Mutter ihn dafür verachtet hatte, war eine ganz neue Stufe der Grausamkeit.
„Sie hat ihn immer wieder zu Ärzten geschleppt“, erzählte Schwester Martha. „Immer wieder neue Gutachten. Immer wieder dieselbe Diagnose.“
+ There are no comments
Add yours