Mein Vater warf Omas Sparbuch in den Sarg und nannte es wertlos – doch der rote Stempel darin offenbarte sein wahres Erbe
Leos Fund gab Clara eine neue, beinahe greifbare Hoffnung. Sie hielt den Brief ihrer Großmutter in den Händen, ein direkter Link zu einer professionellen Instanz. Die Wut auf Dr. Richters abweisende Haltung wandelte sich in zielstrebige Entschlossenheit.
Sie untersuchte den Brief genauer, ihre Finger strichen über das feine Papier. Am oberen Rand, kaum sichtbar, entdeckte sie ein geprägtes Wasserzeichen. Ein kleines, filigranes Logo, das sie als Siegel einer alten Papierfabrik erkannte, die längst nicht mehr existierte.
Das Papier selbst war von hoher Qualität, kein gewöhnliches Briefpapier. Dies unterstrich die Ernsthaftigkeit und Sorgfalt, mit der Helga diesen Brief verfasst hatte. Es war kein hastiger Zettel, sondern ein sorgfältig vorbereitetes Dokument.
Am unteren Rand, fast unsichtbar im Falz, fand sie eine winzige handschriftliche Notiz: „1998“. Das war ein entscheidender Hinweis. Dieses Datum passte perfekt in den Zeitraum, in dem Helga begonnen hatte, über ihre Finanzplanung zu sprechen, kurz nachdem ihr Großvater verstorben war.
Clara war sich sicher, dass dieser Notar Schmidt ein wichtiger Puzzlestein war. Doch wo sollte sie ihn finden? Notare wechselten Büros, zogen um, gingen in den Ruhestand oder starben sogar.
Sie begann ihre Suche in alten Familienunterlagen. Helga hatte alles akribisch aufbewahrt: alte Rechnungen, Versicherungsdokumente, sogar vergilbte Postkarten. In einer Schachtel mit Steuererklärungen ihres Großvaters fand sie einen Ordner, beschriftet mit „Rechtliches“.
Darin befand sich eine Visitenkarte, die schon fast fünfzehn Jahre alt war. „Notariat Schmidt & Partner, Hauptstraße 12, Stadtzentrum“, stand darauf. Eine Adresse, die ihr bekannt vorkam, da sie in ihrer Kindheit oft mit Helga in der Nähe eingekauft hatte.
Ihr Herz klopfte schneller. Es war nicht garantiert, dass Notar Schmidt noch dort arbeitete oder überhaupt noch lebte, aber es war ein konkreter Ausgangspunkt.
Sie suchte nach alten Telefonbüchern. Auf dem Dachboden, in einer Kiste voller alter Schulbücher, fand sie ein Exemplar von 1999. Sie blätterte eifrig durch die Seiten, ihre Finger glitten über die Namen.
„Schmidt, H., Notar“, fand sie schließlich. Die Adresse stimmte mit der auf der Visitenkarte überein. Der Name war nur mit H. abgekürzt, aber es war ein Name, an den sie sich undeutlich erinnerte, dass Helga ihn manchmal erwähnt hatte.
Sie griff nach ihrem Handy, ihre Finger schwebten über der Tastatur. Das Büro würde wahrscheinlich erst am nächsten Morgen öffnen. Die Ungeduld war kaum zu ertragen.
Die Nacht verbrachte sie damit, die Dokumente noch einmal zu studieren. Das Lederbuch, der Brief, das alte Sparbuch. Jedes Detail, jede Zahl. Sie wollte vorbereitet sein.
Sie überlegte, welche Fragen Notar Schmidt ihr stellen könnte. Wie sie alles gefunden hatte, warum sie erst jetzt kam. Sie musste eine glaubwürdige Geschichte erzählen, ohne zu viel preiszugeben, bis sie sicher war, dass er vertrauenswürdig war.
Sie dachte an Bernhards Wut, an die Gerüchte, die sich in der Stadt verbreiteten. Dieser Notar war ihre Chance, dem entgegenzuwirken. Wenn er Helgas Plan bestätigen konnte, würde Dr. Richters Abweisung nichts mehr zählen.
Der nächste Morgen kam quälend langsam. Um Punkt acht Uhr wählte Clara die Nummer des Notariats. Ihr Herz pochte bis zum Hals.
Eine freundliche Stimme meldete sich. „Notariat Schmidt & Partner, guten Morgen.“
„Guten Morgen“, sagte Clara, ihre Stimme zitterte leicht. „Mein Name ist Clara Lehmann. Ich würde gerne einen Termin mit Herrn Notar Schmidt vereinbaren. Es geht um eine Angelegenheit, die meine verstorbene Großmutter, Helga Lehmann, betrifft.“
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