Fünf Jahre später sitze ich in meinem Büro in der Hamburger Innenstadt. Kein prunkvolles Eckbüro, sondern ein bescheiden eingerichteter Raum im zweiten Stock eines sanierten Altbaus. Die Wände sind mit Karten von Projektstandorten und Stapeln von Förderanträgen bedeckt.
Die Schumann-Stiftung, die ich leite, hat sich zu einer wichtigen Kraft im sozialen Bereich entwickelt. Wir unterstützen Bildungsprogramme für benachteiligte Jugendliche, initiieren Projekte zur Integration und fördern Kunst und Kultur in der Region. Es ist eine erfüllende Arbeit, die mein Leben mit Sinn füllt.
Mein Schreibtisch ist ordentlich, aber mit einer Fülle von Dokumenten belegt. Ich unterschreibe einen weiteren Förderbescheid für ein neues Stipendienprogramm. Die Tinte trocknet schnell.
Ich höre das leise Klopfen an der Tür. Meine Assistentin, Frau Kern, steckt den Kopf herein.
„Frau Meyer, der Bericht für das Elbphilharmonie-Projekt ist fertig zur Durchsicht. Und Herr Dr. Krumm ruft an, er möchte nur wissen, ob Sie heute Abend Zeit für einen Kaffee hätten.“
„Sagen Sie Herrn Dr. Krumm, dass ich mich freue. Und den Bericht bringe ich gleich vorbei“, antworte ich. Mein Ton ist professionell, routiniert.
Frau Kern nickt und verschwindet wieder.
Dr. Krumm ist in den letzten Jahren zu einer Art Mentor geworden, ein Fels in der Brandung meiner turbulenten Anfangsjahre. Er hat mir geholfen, die Stiftung durch die Schlagzeilen zu navigieren, die Katja Bauers Artikel verursacht hatten. Die Geschichte von Jakobs Verrat und den Machenschaften von Herrn Lorenz war damals groß in den Medien. Es war eine schwierige Zeit, in der ich lernen musste, mit öffentlicher Aufmerksamkeit und Skepsis umzugehen.
Jakob Weber. Sein Name ruft immer noch ein leichtes Ziehen in meiner Brust hervor. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Herr Lorenz’ Netzwerk hatte ihn tatsächlich „verschluckt“. Keine Leiche. Keine Nachricht. Nur Stille. Er ist für immer im Schatten verschwunden, eine unbeantwortete Frage in meinem Leben.
Ich stelle mir manchmal vor, wie er jetzt aussehen würde. Ob er seine Fehler bereut hätte. Aber diese Gedanken sind selten geworden, wie verblassende Fotos in einem alten Album.
Der Verlust meiner ersten Liebe war schmerzhaft, und die naive Unschuld meiner Jugendzeit blieb auf diesem Berliner Hauptbahnhof zurück. Ich habe gelernt, dass wahre Unabhängigkeit einen hohen Preis hat. Die Freiheit, die ich jetzt besitze, ist schwer erkämpft und stets mit dem Wissen verbunden, dass die Welt viel dunkler ist, als ich es mir je vorgestellt hatte.
Ich blicke aus dem Fenster auf die belebte Straße. Die Abendsonne taucht die Dächer Hamburgs in ein warmes Licht.
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