Heimleiter wollte Waisenjungen wegen einer "Halluzination" einweisen — Betreuerin entdeckte in seinen Zeichnungen das Geheimnis eines Vermissten
Ich versteckte mich fast vollständig hinter dem großen Ficus in der Ecke des Flurs, mein Herz pochte unregelmäßig gegen meine Rippen. Durch den Spalt der leicht angelehnten Tür zum Konferenzraum konnte ich die ernsten Gesichter der Vorstandsmitglieder erkennen.
Herr Richter stand am Kopf des Tisches, die Hände auf die glänzende Oberfläche gestützt. Er hielt einige von Karims Zeichnungen in der Hand, nicht die sorgfältig gesammelten und nummerierten Blätter, die ich dem Heimleiter gezeigt hatte, sondern nur eine kleine, willkürliche Auswahl.
Seine Stimme war ruhig und kontrolliert, klang aber in meinen Ohren wie ein eiskalter Hauch.
“Diese wiederholten Darstellungen eines verlassenen Wassertanks, meine Damen und Herren, sind eindeutige Indizien für tiefe psychische Störungen.”
Er legte die Zeichnungen beiseite, als wären sie nichts weiter als wertloser Müll. Die Worte füllten den Raum, und ich spürte, wie sich in mir eine eisige Wut regte.
“Der Junge spricht von ‘Rashid'”, fuhr Richter fort, seine Stimme trocken und abfällig.
“Eine reine Wahnvorstellung, wie wir vermuten. Er halluziniert in einer Weise, die für sein Alter alarmierend ist.”
Einer der Vorstandsmitglieder räusperte sich leise.
“Haben Sie versucht, mit ihm darüber zu sprechen, Herr Richter?”
Richter verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die kaum als Lächeln durchging.
“Natürlich. Zahlreiche Male. Aber Karims Behauptungen sind hartnäckig und zunehmend verstörend. Er verweigert die Realität.”
Er hob seine Stimme leicht an, um seinen Standpunkt zu betonen.
“Aus diesem Grund müssen wir handeln. Ich fordere dringend seine sofortige Einweisung in eine spezialisierte Einrichtung.”
Mein Atem stockte in meiner Kehle. Es war ein Stich direkt ins Herz, diese kühle, berechnende Forderung zu hören.
Richters ablehnende Haltung, sein offenes Desinteresse an Karims tatsächlichem Wohl, bestätigten meinen schlimmsten Verdacht. Er wollte Karim nicht helfen; er wollte ihn zum Schweigen bringen.
Ich klammerte mich an den Ficus-Stamm, die raue Rinde drückte unangenehm in meine Handfläche. Dieses Treffen war keine Diskussion über das Wohl eines Kindes, sondern eine Inszenierung, um Karim wegzuschaffen.
Als das Treffen sich dem Ende neigte und die Vorstandsmitglieder ihre Stühle zurückschoben, versuchte ich unauffällig zu verschwinden. Aber Richter war schneller.
Seine Schritte hallten über den Linoleumboden, direkt auf mich zu.
“Frau Özdemir, darf ich Sie kurz sprechen?”
Ich drehte mich langsam um, mein Gesicht so neutral wie möglich haltend. Richter stand vor mir, sein Blick war hart.
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