Heimleiter wollte Waisenjungen wegen einer "Halluzination" einweisen — Betreuerin entdeckte in seinen Zeichnungen das Geheimnis eines Vermissten
Zwei Tage später, während ich im Supermarkt die wöchentlichen Einkäufe für das Waisenhaus erledigte, stieß ich am Kühlregal zufällig auf Frau Schmidt. Die ehemalige Reinigungsdame war schon vor Jahren in Rente gegangen, aber ihr Klatsch war immer noch legendär.
“Leyla, mein Schatz! Wie geht es Ihnen denn?”, rief sie, ihre Stimme war überraschend laut.
Sie umarmte mich überschwänglich, und ich erwiderte die Umarmung so gut es ging.
“Frau Schmidt, wie schön, Sie zu sehen!”, sagte ich, meine Gedanken waren aber immer noch bei Karims Zeichnung.
Wir plauderten ein paar Minuten über dies und das, über alte Kollegen und das Wetter. Dann erwähnte sie beiläufig etwas, das meine Ohren schärfte.
“Ach, wissen Sie”, sagte sie, als sie eine Packung Joghurt in ihren Einkaufswagen legte, “manchmal vermisse ich ja die alten Zeiten im Heim. Auch wenn der Herr Richter immer so ein Pedant war.”
Sie kicherte leise.
“Obwohl, einmal habe ich ihn ja richtig wütend gesehen. Das war kurz bevor der Herr Al-Farsi verschwunden ist, der Vater von dem kleinen Karim.”
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
“Wütend, Frau Schmidt?”, fragte ich.
“Was ist denn passiert?”
Sie seufzte.
“Ach, das war spät abends. Ich wollte gerade den letzten Müll rausbringen, da habe ich sie gesehen. Den Herrn Richter und den Herrn Al-Farsi.”
Sie machte eine Pause, um nachzudenken.
“Die haben sich gestritten. Heftig. Ganz in der Nähe vom Wassertank, auf diesem alten Industriegelände.”
Ich erstarrte, meine Hand krampfte sich um den Griff meines Einkaufswagens.
“Herr Richter war knallrot im Gesicht, hat gefuchtelt und geschrien. Und der Herr Al-Farsi hat nur den Kopf geschüttelt.”
Sie schüttelte selbst den Kopf.
“Ich habe mich gewundert, was der Al-Farsi überhaupt noch so spät auf dem Gelände gemacht hat. War ja schon längst Feierabend.”
Das war es. Das fehlende Puzzlestück. Eine Zeugin.
Frau Schmidts beiläufige Bemerkung, die so harmlos klang, war in Wirklichkeit ein direkter Beweis für Richters Beteiligung. Sie hatte ihn nicht nur mit Rashid gesehen, sondern in einer hitzigen Auseinandersetzung in unmittelbarer Nähe des Tanks.
“Und wann genau war das, Frau Schmidt?”, fragte ich, meine Stimme war heiser.
Sie zuckte mit den Schultern.
“Ach, genau weiß ich das nicht mehr. Aber es muss so gewesen sein, ein, zwei Tage, bevor man gemerkt hat, dass der Herr Al-Farsi weg war.”
“Ich habe mir damals nichts dabei gedacht”, fuhr sie fort.
“Manchmal streiten sich die Leute halt. Aber der Herr Richter war schon sehr, sehr wütend.”
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