Chapter 5: Karims Erinnerung

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Heimleiter wollte Waisenjungen wegen einer "Halluzination" einweisen — Betreuerin entdeckte in seinen Zeichnungen das Geheimnis eines Vermissten

Chapter 1: Die Zeichnung, die niemals endete

Chapter 2: Richters Urteil

Chapter 3: Omars Entschlossenheit

Chapter 4: Die Versiegelung

Chapter 5: Karims Erinnerung

Chapter 6: Frau Schmidts Beobachtung

Chapter 7: Richters Rache

Chapter 8: Die Stille Konfrontation

Chapter 9: Das Verschwinden

Chapter 10: Die stille Trauer

Chapter 11: Eine lange Zeit später

Nach Mareks schockierenden Enthüllungen wusste ich, dass ich noch einmal mit Karim sprechen musste. Ich brauchte seine ungetrübte Sicht der Dinge, bevor Richters Plan, ihn wegzuschaffen, in die Tat umgesetzt wurde.

Ich setzte mich an diesem Nachmittag zu Karim in das Zimmer, das er mit zwei anderen Jungen teilte. Er saß am kleinen Tisch und kritzelte wie so oft auf Papier.

“Karim”, sagte ich sanft, während ich mich auf Augenhöhe zu ihm hinunterbeugte.

“Magst du mir heute noch einmal deinen Wassertank malen?”

Er blickte auf, seine großen, dunklen Augen waren einen Moment lang misstrauisch. Dann nickte er langsam und nahm einen neuen Bogen Papier.

“Mit allem, was du dort gesehen hast”, fügte ich hinzu, meine Stimme so ruhig wie möglich.

“Jedes kleine Detail.”

Karim nahm seine Buntstifte und begann eifrig zu zeichnen. Zuerst entstand die bekannte Form des Wassertanks, mit den rostigen Streben und dem hohen Aufbau. Ich beobachtete ihn gespannt.

Dann malte er etwas Neues. Kleine, schemenhafte Figuren tauchten auf dem Papier auf.

Eine davon war groß und dunkel, eine bedrohliche Silhouette neben dem Tank. Daneben eine kleinere Figur, die zappelte, fast wie in Bewegung festgehalten.

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte. Das hatte er noch nie gezeichnet. Es war eine erschütternde Entwicklung.

Die große Figur schien die kleinere zu packen, festzuhalten. Der Strich war hastig, fast panisch.

Dann verschwand die kleinere Figur in einer dunklen Schattierung, direkt am Boden des Tanks. Die dunkle Wolke, die Karim um die kleine Gestalt herum malte, wirkte wie ein Rauch, der sie verschluckte.

Ich wusste sofort, was ich sah. Karim hatte nicht nur den Wassertank gekannt; er hatte miterlebt, wie sein Vater verschwand.

“Karim”, sagte ich, meine Stimme zitterte leicht.

“Was ist mit der kleinen Figur passiert? Die, die zappelte?”

Karim klammerte sich an sein Blatt, seine kleinen Finger knitterten das Papier an den Rändern. Seine Augen füllten sich mit Tränen.

“Papa ist weg”, flüsterte er, seine Stimme war kaum hörbar.

Die tiefe Trauer, die in seinen Augen lag, war unerträglich. Er wusste genau, was geschehen war, und es quälte ihn jeden Tag.

Ich wollte ihn in den Arm nehmen, aber ich wusste nicht, ob ich ihn in diesem Moment noch mehr belasten sollte. Die grausamste Art der Wahrheit kam nun aus dem Mund eines Kindes, das sie miterleben musste.

“Wer war der große Mann?”, fragte ich vorsichtig.

Karim schüttelte den Kopf, Tränen liefen über seine Wangen.

“Böse”, murmelte er.

“Er war böse zu Papa.”

Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht. Es war Richters Gesicht, das Karim vielleicht nicht klar zeichnen konnte, aber dessen bösartige Präsenz er gespürt hatte.

Er hatte seinen Vater in einem Kampf verschwinden sehen, und Richters Manipulation hatte versucht, diese traumatische Erinnerung als Wahnvorstellung abzutun. Das war die abscheuliche Wahrheit.

Ich strich ihm sanft über den Kopf.

“Karim, es tut mir so leid”, flüsterte ich.

“Du bist so mutig.”

Er legte seinen Kopf auf das Papier, seine kleine Gestalt bebte leicht. Ich verstand, dass ich ihn nicht weiter drängen konnte.

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