Die Tage nach Johannas merkwürdigem Telefonat waren von einer gespannten Stille erfüllt.
Ich sprach kaum noch mit ihr.
Jedes Lächeln von ihr, jeder ihrer Versuche, Normalität vorzutäuschen, fühlte sich an wie eine kalte, calculating Geste.
Die Renovierungsarbeiten schleppten sich dahin, immer wieder gab es Ausreden, warum das Geld nicht reichte.
Eines Nachmittags, frustriert und voller innerer Unruhe, beschloss ich, selbst Hand anzulegen.
Ein unschöner Riss zog sich durch die Wand im ehemaligen Arbeitszimmer des Richters.
Ich hatte ihn schon länger ignorieren wollen, doch nun war er mir ein Dorn im Auge.
Ich holte Spachtel und Werkzeug.
Ich wollte etwas Konkretes tun, etwas, das ich kontrollieren konnte.
Der Putz bröselte leicht, als ich mit dem Spachtel entlang des Risses kratzte.
Der feine Staub kitzelte in meiner Nase.
Plötzlich stieß mein Werkzeug auf etwas Hartes, das sich nicht wie Ziegel anfühlte.
Ich stutzte.
Mit vorsichtigen Bewegungen entfernte ich weitere Putzstücke.
Hinter einer losen Steinplatte, die seltsam versetzt war, offenbarte sich eine kleine Nische.
Ich leuchtete mit meiner Handytaschenlampe hinein.
Dort lag ein vergilbter Ledereinband.
Er war alt, staubig, das Leder rissig und trocken.
Ich zog ihn vorsichtig hervor.
Es war ein Tagebuch.
Die Seiten waren vergilbt, der Geruch nach altem Papier und Moder stieg mir in die Nase.
Die Tinte war an einigen Stellen verblasst, aber die Schrift war noch lesbar, elegant und kursiv.
Die erste Eintragung datierte vom Oktober 1888.
Ich setzte mich auf den Boden, meine Hände zitterten leicht.
Meine ursprüngliche Absicht, den Riss zu reparieren, war vollständig vergessen.
Ich schlug die erste Seite auf.
Der erste Eintrag sprach von der „Freude über den Einzug in unser neues Heim, dieses prachtvolle Richter-Anwesen“.
Ich las weiter, ein Eintrag nach dem anderen.
Es war die Geschichte einer Familie namens Mertens.
Sie hatten dieses Haus bewohnt, lange bevor es den Richters gehörte.
Anfangs war alles idyllisch gewesen, voller Hoffnung und Liebe.
Doch schon bald änderten sich die Einträge.
„Unerklärliche Kälte im Flur“, las ich.
„Ein Wispern, das nur ich zu hören scheine.“
Die Einträge wurden dunkler, die Schrift hastiger.
„Stimmen im Haus, die Zwietracht säen. Mein Mann und ich streiten uns, wie nie zuvor.“
Mein Atem stockte.
„Die Kinder sind ängstlich. Sie sprechen von Schatten, die sich bewegen.“
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