Werner Voss demütigte Ayla Brandt vor der politischen Elite Berlins – doch ihr Schweigen verbarg ein Geheimnis, das er fürchtete
Am nächsten Morgen war die Atmosphäre im Büro noch angespannter als zuvor. Ich spürte, wie die Blicke meiner Kollegen an mir abprallten, ihre Gesichter waren entweder ausdruckslos oder wandten sich ab, sobald ich in ihre Nähe kam. Die Tür zu meinem Büro schien mir ein sicherer Hafen zu sein, doch selbst dort drinnen konnte ich die Kälte der Ausgrenzung spüren.
Wichtige Informationen, die ich für meine Arbeit brauchte, fehlten weiterhin. Ich wurde bei Teambesprechungen übergangen, und E-Mails, die alle anderen erreichten, kamen bei mir nicht an. Es war eine subtile, doch unerbittliche Form der Belästigung, die mich langsam, aber sicher aus dem Arbeitsleben drängte.
Ich versuchte, mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren, doch meine Gedanken kreisten unaufhörlich um den Vorfall im Ausschuss. Die Ungerechtigkeit brannte wie eine offene Wunde. Ich wusste, dass ich mich nicht einfach geschlagen geben konnte, doch jeder Schritt schien mich tiefer in den Sumpf der Isolation zu ziehen.
Mittags ging ich in die Kantine, etwas, das ich seit der Gala vermied. Ich brauchte eine Pause von den vier Wänden meines Büros, auch wenn es bedeutete, den Blicken der anderen ausgesetzt zu sein. Die Tische waren gut gefüllt, das übliche Gemurmel erfüllte den großen Raum.
Ich stellte mich an die Schlange für das Tagesgericht, meinen Blick fest auf die Auslage gerichtet. Plötzlich spürte ich eine leichte Berührung an meinem Arm. Ich drehte mich um und sah Frau Kowalski, eine ältere Sachbearbeiterin aus der Finanzabteilung, die seit Jahrzehnten im Rathaus arbeitete.
Frau Kowalski war eine unscheinbare Frau mit grauen Haaren und einer Brille, die auf ihrer Nase rutschte. Sie hatte immer ein freundliches, aber auch müdes Lächeln auf den Lippen. Sie war bekannt dafür, still zu sein, doch alles zu beobachten.
Sie hielt einen Teller mit Gemüsesuppe in der Hand und ihr Blick war ungewöhnlich ernst. Ihre Augen, normalerweise sanft, hatten einen neuen, eindringlichen Ausdruck bekommen.
„Frau Brandt“, sagte sie leise, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Ich sah sie fragend an. Sie war die erste Person seit Wochen, die mich von sich aus ansprach.
Sie trat einen Schritt näher, ihre Stimme sank noch tiefer, sodass nur ich sie verstehen konnte. „Seien Sie vorsichtig, mein Kind.“
Ihr Blick huschte kurz zu einem Tisch in der Ecke, an dem Sven Petersen mit einigen anderen Kollegen saß und lachte. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Die Art, wie sie ihn ansah, verriet eine tiefe Abneigung, fast schon Furcht.
„Es gibt Kreise hier im Haus, die die Methoden von Herrn Voss kennen“, fuhr Frau Kowalski fort, ihre Lippen waren kaum zu bewegen. „Unerwünschte Elemente verschwinden hier nicht einfach.“
Sie sprach nicht von Entlassung, sondern von einem Verschwinden, als ob Menschen im Rathaus einfach ausradiert werden könnten. Die Metapher war grausam und erschreckend in ihrer Implikation. Sie deutete auf eine Art der Verdrängung hin, die weit über berufliche Konsequenzen hinausging.
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