Die Wochen nach dem Telefonat mit Anwalt Schmidt waren von einer nervösen Anspannung geprägt.
Ich wartete.
Wartete auf das Echo, das unsere erste Aktion auslösen würde.
Meine Rolle als genesende Frau spielte ich weiterhin perfekt.
Ich aß meine Mahlzeiten, machte meine Spaziergänge, las meine Bücher.
Aber in meinem Inneren tobte ein Sturm.
Ich wusste, dass der erste Stein geworfen worden war.
Aber würde er überhaupt Wellen schlagen?
Eines Morgens, während des Frühstücks im Speisesaal des Anwesens, sah ich es.
Ein kleines Detail in einer der lokalen Zeitungen, die das Personal jeden Morgen auslegte.
Die „Berliner Wochenschau“.
Auf Seite drei, unscheinbar versteckt, ein kurzer Artikel.
„Unregelmäßigkeiten im Vogel-Keller Fonds?“
Mein Herz schlug schneller.
Es war geschehen.
Der erste Testballon.
Der Artikel war kurz, vage.
Er sprach von „anonymen Hinweisen“ und „laufenden internen Prüfungen“.
Keine Namen, keine Details, nur eine Andeutung, dass nicht alles sauber war.
Ich las ihn zweimal, dreimal.
Die Erwähnung des Fonds, meines Lebenswerks, schmerzte.
Aber es war notwendig.
Ich versuchte, meine Erregung zu verbergen.
Ich legte die Zeitung beiseite, nahm einen Schluck Tee.
Die Hände zitterten leicht, aber das konnte meiner „Schwäche“ zugeschrieben werden.
Wenige Stunden später kam Thomas zu Besuch.
Er wirkte entspannt, sogar gut gelaunt.
Er hatte die Zeitung offenbar noch nicht gesehen, oder er spielte seine Rolle noch besser als ich.
„Wie geht es dir, Lena?“, fragte er.
Seine Stimme war süßlich, falsch besorgt.
„Besser“, sagte ich.
„Ich habe heute Morgen die ‚Berliner Wochenschau‘ gelesen.“
Ich sah ihn genau an.
Sein Blick veränderte sich nicht.
„Ach, diese Provinzblätter“, sagte er und winkte ab.
„Da steht doch immer nur Klatsch und Tratsch. Nicht der Rede wert.“
Er lachte leise, ein zynisches, überhebliches Lachen.
„Heute Morgen gab es einen kleinen Artikel über den Fonds“, sagte ich vorsichtig.
Ich wollte seine Reaktion sehen.
Thomas verdrehte die Augen.
„Ja, das habe ich auch schon gehört“, sagte er.
„Ein paar neidische Ex-Mitarbeiter oder politische Gegner, die versuchen, meine Kampagne zu sabotieren. Reine Verleumdung.“
Er schüttelte den Kopf, als sei es eine lästige Fliege.
„Mein Kampagnenteam hat bereits eine Erklärung herausgegeben. Wir werden juristische Schritte prüfen.“
„Es war ein kurzer Artikel“, sagte ich.
„Nicht viel Aufmerksamkeit.“
„Genau“, sagte er und sah mich triumphierend an.
„Völlig wirkungslos. Die Leute wissen, dass das nur politische Schmutzkampagnen sind.“
Sein Selbstvertrauen war grenzenlos.
Er glaubte sich unantastbar.
Dieser kurze Artikel, der so viel Hoffnung in mir geweckt hatte, wurde von Thomas’ Arroganz und seiner Macht einfach zerdrückt.
Er hatte Recht.
Die Reichweite war begrenzt.
Der Schlag war nicht hart genug gewesen.
Anwalt Schmidts Worte hallten in meinem Kopf wider: „Ein kleiner Teil der Beweise…“
Es war nur ein Vorgeschmack, ein erster, kleiner Nadelstich.
Erneut spürte ich die bittere Wahrheit.
Thomas’ Netzwerk war mächtiger, als ich es mir vorgestellt hatte.
Ich musste mich jedoch an den Gedanken klammern, dass dies nur der Anfang war.
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