Die Haushälterin, deren Tochter auf dem Gesicht des Mafiabosses malte und so sein gesamtes Imperium entlarvte.
Während Klara in ihrem eigenen Albtraum gefangen war, spielte sich im Hintergrund ein weiteres Drama ab. Dr. Ingrid Bauer, Brandts persönliche Assistentin, beobachtete das Geschehen mit einer kühlen, fast unbeteiligten Miene. Doch hinter ihrer professionellen Fassade brodelte es.
Ingrid war seit Jahren in Brandts Diensten, hatte seine Machenschaften mitangesehen, seine psychologischen Spielchen miterlebt. Sie kannte das Muster, da sie es selbst seit langem ertrug. Brandt hatte auch sie manipuliert, sie an ihrer Kompetenz zweifeln lassen, um ihre Loyalität zu erzwingen. Ihre Position, ihr Ansehen, ihre gesamte Existenz waren von ihm abhängig.
Sie bemerkte Klaras zunehmende Nervosität, die unsicheren Blicke, die Klara Brandt zuwarf, und die Art, wie sie versuchte, ihre Handlungen zu verbergen. Ingrid sah auch Brandts subtile Manipulationen: die verschobenen Gegenstände, die scheinheiligen Fragen. Es war ein Spiel, das Ingrid nur zu gut kannte. Sie war eine Expertin in der Entschlüsselung seiner dunklen Taktiken.
Einmal, als Ingrid an Brandts Arbeitszimmer vorbeiging, sah sie, wie Klara hastig die Dokumentenmappe zurück an ihren Platz schob. Ingrid bemerkte den prüfenden Blick Brandts, der Klara dabei von seinem Schreibtisch aus fixierte. Ein Ausdruck des Triumphes blitzte in seinen Augen auf, kurz bevor er seine Maske der Gleichgültigkeit wieder aufsetzte. Ingrid wusste, dass das keine zufällige Beobachtung war. Brandt hatte Klara eine Falle gestellt.
Was Ingrid jedoch am meisten irritierte, war die Art, wie Brandt auf Lena reagierte. Er hatte das Kind gehasst, das ihn in seinen Augen verunreinigte, ihn in seiner Kontrolle störte. Und doch hatte er ihr diese wertvolle Spieluhr geschenkt, hatte sich Lenas Kritzeleien auf seinem Gesicht gefallen lassen. Für einen Mann wie Brandt, der Wert auf absolute Kontrolle und Distanz legte, war das eine seltsame Geste.
Ingrid erinnerte sich an den Tag, als Lena Brandts Gesicht bemalt hatte. Sie hatte Brandts Wutausbruch erwartet, aber stattdessen hatte er mit einer unheimlichen Ruhe reagiert. Ingrid war im Raum gewesen, als Brandt Lena die Spieluhr überreichte. Sie hatte ein kurzes, fast unmerkliches Zucken in Brandts Mundwinkeln gesehen, das sie damals als amüsiert interpretiert hatte. Doch jetzt, im Nachhinein, wirkte es anders. Es war eine Art verstörendes Interesse.
Sie fragte sich, ob die Kindeszeichnung auf Brandts Gesicht ein Zufall war oder eine unbewusste Provokation, die Brandt in seiner paranoiden Welt falsch interpretiert hatte. Hatte er Lenas unschuldige Aktion als eine Art von Reinheit oder Ehrlichkeit fehlinterpretiert? Hatte er geglaubt, dass dieses unschuldige Kind, das ihn nicht kannte und nicht fürchtete, einen Blick in seine Seele geworfen hatte?
Der Gedanke war absurd und doch beunruhigend logisch für Brandts verdrehte Denkweise. Er sehnte sich nach einer Art von “echter” menschlicher Verbindung, die er aber nur durch Tests und Manipulation zu erzwingen versuchte. Lena war vielleicht das einzige Wesen gewesen, das ihn ohne Vorurteile betrachtet hatte.
Ingrid beobachtete auch die Interaktionen zwischen Klara und Lena. Eine seltsame Vertrautheit, eine bedingungslose Liebe, die Brandt sichtlich irritierte. Er, der absolute Kontrolle über alles haben wollte, schien mit dieser einfachen, reinen Bindung nichts anfangen zu können. Es war für ihn ein unerklärliches Phänomen, ein Chaos, das er nicht ordnen konnte.
Sie erinnerte sich an eine Szene vor einigen Tagen. Lena hatte im Garten mit einem Schmetterling gespielt und herzhaft gelacht. Klara hatte sie beobachtet, ein sanftes Lächeln auf den Lippen. Brandt war auf den Balkon getreten, hatte die beiden kurz angesehen und dann mit einer Geste des Missmuts den Kopf geschüttelt, bevor er wieder verschwand. Er konnte diese menschliche Wärme nicht ertragen. Es war ihm fremd.
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