Ihr Verlobter schlug sie bis zur Unkenntlichkeit, aber ihre Tarnung flog auf, als ihr Milliardärs-Chef die ungewöhnlichen Muster der Verletzungen sah und beschloss, sich rächend einzumischen.
Elias Neumann, Leopolds Sicherheitschef, saß in seinem spartanischen Büro, der Bildschirm seines Laptops spiegelte ein fahles Licht auf sein konzentriertes Gesicht. Er hatte seit Stunden in den undurchsichtigen Tiefen des Internets gewühlt, seine Finger tanzten unermüdlich über die Tastatur. Leopold hatte ihn angewiesen, diskret in Dr. Marius Richters Hintergrund zu graben, und Elias nahm solche Aufträge stets mit pedantischer Gründlichkeit an.
Die üblichen Kanäle – medizinische Register, öffentliche Profile, akademische Veröffentlichungen – zeigten nichts Auffälliges, nur das makellose Bild eines renommierten Arztes. Doch Leopolds Beschreibung der ungewöhnlichen Flecken auf Claras Arm, ihr „wiederkehrendes, seltsames Muster“, hatte Elias’ professionellen Spürsinn geweckt. Er wusste, dass solche Geschichten oft in den versteckten Winkeln begannen.
Er änderte seine Suchstrategie, gab Begriffe wie „alte Folklore Rituale“, „energieentzug“ und „symbolische Heilung“ ein. Stunden vergingen, dann stieß er auf ein obskures Online-Forum, dessen Design an die Anfänge des Internets erinnerte, ein Sammelplatz für Liebhaber verbotener Folklore und esoterischer Praktiken. Der Name des Forums, „Die Alten Pfade“, klang wie ein Echo aus einer längst vergessenen Zeit.
Mit einem Klick tauchte er ein in eine Welt voller verschwommener Mythologie und unheimlicher Riten. Er scrollte durch Hunderte von Beiträgen, seine Augen überflogen Diskussionen über „Seelenreinigungsrituale“ und „spirituelle Übertragungen“. Dann sah er es, in einem längeren Thread über „Die Zeichen der Entleerung“: ein archaisches Symbol, in groben Strichen gezeichnet, das erschreckend genau mit der Beschreibung der Musterung auf Claras Verletzungen übereinstimmte.
Ein Schauer lief Elias über den Rücken. Die Forenmitglieder sprachen von „Energieübertragungssymptomen“, von einer „inneren Leere“, die sich bei den „Probanden“ einstellte, nachdem solche Rituale durchgeführt worden waren. Sie beschrieben nicht nur physische Spuren, sondern auch ein Gefühl, „ausgesaugt zu sein“, als ob die Seele selbst einen Teil ihrer Lebendigkeit verloren hätte.
Das war es, dachte Elias, der fehlende Puzzleteil, das Leopolds vage Ahnungen bestätigte. Die Foren-Einträge beschrieben, wie diese Rituale über die physische Gewalt hinausgingen, die Menschen innerlich aushöhlten und ihnen ihre Vitalität raubten. Es war eine perfide, persönliche Grausamkeit, die sich nicht nur im Körper, sondern tief in der Seele manifestierte.
Er las weiter, seine Konzentration wurde immer schärfer, als er einen Beitrag mit dem Benutzernamen „VerlorenerWeg“ fand, datiert auf vor drei Jahren. Der Verfasser identifizierte sich als ehemaliger Student eines renommierten Arztes, dessen Name nicht genannt wurde, aber die Beschreibung passte perfekt zu Dr. Richter. „VerlorenerWeg“ warnte vor der zunehmenden Obsession seines „Mentors“ mit diesen Ritualen.
Der Student schrieb von einer gefährlichen Transformation, wie aus einem wissenschaftlichen Interesse ein fanatischer Glaube geworden war. Er erwähnte, dass der Mentor aggressivere Methoden entwickelt hatte und „unvorsichtiger“ geworden sei. Die Worte schallten in Elias’ Kopf wider, ein bedrohliches Echo.
„VerlorenerWeg“ deutete dann an, dass ein früheres „Subjekt“ nach Richters aggressiven Methoden spurlos verschwunden sei. Er schrieb, das Subjekt sei „nie wieder ganz dasselbe gewesen“ und dann einfach „vergangen wie ein Schatten in der Nacht“. Es war keine vage Andeutung mehr, sondern eine konkrete, wenn auch anonyme, Anschuldigung, dieRichter direkt mit einem Verschwinden in Verbindung brachte.
Elias lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Stirn in Falten gelegt. Dies war kein Fall von einfacher häuslicher Gewalt, sondern eine Sache von methodischer, dunkler Obsession. Dr. Marius Richter war kein bloßer Schläger; er war ein Praktiker gefährlichen Okkultismus, der seine Opfer systematisch entleerte.
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