Ihr Bauch bewegte sich in der Leichenhalle — Dann enthüllte ein altes Kassenbuch die dunkle Wahrheit über ihren Bruder und unser Nachkriegserbe
Werners Reaktion auf die Ermittlungen von Inspektor Meier ließ nicht lange auf sich warten. Er war in die Enge getrieben, und ein verletzter Mann wie er wurde gefährlich. Seine Verteidigung war ein direkter Angriff auf mich.
Die Gerüchte begannen wie ein Lauffeuer im Flüchtlingsheim und in der Nachbarschaft zu zirkulieren. Ich sei „nicht ganz bei Trost“, „wahnhaft“, „verfolgt von Kriegstraumata“. Meine Geschichte über Elises Tod und Werners Verbrechen wurde als Hirngespinst eines psychisch Kranken abgetan.
Ich hörte die geflüsterten Worte, die beiläufigen Bemerkungen, die mitleidigen Blicke. Die Bewohner des Heims, die sich zuvor hilfsbereit gezeigt hatten, zogen sich nun von mir zurück. Niemand wollte mit einem „Verrückten“ in Verbindung gebracht werden.
Einmal, als ich in der Schlange für die Essensausgabe stand, hörte ich, wie zwei Frauen über mich sprachen.
„Der arme Mann. Der Krieg hat ihn gebrochen“, sagte die eine.
„Man sagt, er hat Wahnvorstellungen. Er glaubt, sein Schwager hat seine Frau getötet“, erwiderte die andere.
Ihre Worte waren wie Dolche, die sich in mein Herz bohrten. Werner nutzte meine Verletzlichkeit, meine Kriegstraumata, um mich zu diskreditieren. Er spielte mit den Ängsten der Menschen vor dem Unbekannten, vor dem Wahnsinn, den der Krieg so oft mit sich brachte.
Ich spürte, wie sich die Isolation wieder um mich legte, dichter und erdrückender als je zuvor. Meine Erzählungen stießen auf taube Ohren. Meine Glaubwürdigkeit wurde systematisch zerstört.
Ich ging zum örtlichen Amt, um mich über den Stand der Ermittlungen zu erkundigen. Die Beamtin am Schalter musterte mich mit einem mitleidigen, aber auch skeptischen Blick.
„Herr Becker, ich habe gehört, dass es Ihnen nicht gut geht“, sagte sie.
Ihre Stimme war sanft, aber ich spürte die Verachtung dahinter. Sie sprach zu mir wie zu einem Kind.
„Vielleicht sollten Sie sich lieber auf Ihre Genesung konzentrieren, anstatt sich in juristische Angelegenheiten zu verstricken.“
Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde vor Wut. „Ich bin nicht verrückt! Ich suche nur Gerechtigkeit für meine Frau!“
Die Beamtin hob beschwichtigend die Hände.
„Ja, ja, natürlich. Aber manchmal spielt uns unser Verstand Streiche. Gerade nach solchen Erlebnissen, wie Sie sie hatten.“
Sie versuchte, mich abzuwimmeln, meine Anliegen als Produkte meiner angeblichen Krankheit abzutun. Werner hatte seine Spuren gut gelegt.
Ich verließ das Amt mit einem Gefühl der Niederlage. Werners Taktik funktionierte. Er machte mich zu einem Außenseiter, zu einem Unglaubwürdigen. Die Menschen in der Nachkriegsgesellschaft, die selbst mit so vielen Traumata zu kämpfen hatten, waren leicht zu manipulieren.
Ich ging durch die Straßen, die Köpfe der Menschen drehten sich nach mir um. Ich war nun der „Kriegsverwirrte“, der Verrückte, der seine tote Frau rächen wollte.
Meine Verzweiflung wuchs. Wie konnte ich gegen diese unsichtbare Wand der Vorurteile ankämpfen? Wie konnte ich die Wahrheit ans Licht bringen, wenn niemand bereit war, mir zuzuhören?
Ich dachte an Elise, an ihr Lachen, an ihre Stärke. Sie hätte sich niemals von solchen Gerüchten unterkriegen lassen. Sie hätte gekämpft, mit erhobenem Haupt.
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